• Artikel vom 04.01.2012, 15:43 Uhr

Gastkommentare

Update: 11.01.2012, 16:41 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (13)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Maßlos und gefährlich


Von Fritz Hausjell
  • Der ORF ist heute freier denn je - ungeachtet der neuen Debatte um Personalbestellungen. Man darf nicht Zustand und Image gleichsetzen.

Fritz Hausjell lehrt Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien

Fritz Hausjell lehrt Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien Fritz Hausjell lehrt Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien

Warum ist mir nicht recht wohl bei der großen medialen Debatte um die aktuellen Personalbesetzungen im ORF? Die Sorgen der Redakteure und des Publikums um die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind zweifellos lauter. Besondere Wachsamkeit ist allein schon aus historischen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte angebracht.

Werbung

Aber ist die nunmehrige Heftigkeit der Erregung angemessen? Wird die möglicherweise berechtigte Furcht von ORF-Journalisten nicht mit etwas amalgamiert, das aus ganz anderem Interesse gespeist ist, nämlich einem in den letzten Jahren immer heftiger gewordenen Bashing des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Interesse des aufstrebenden Privatrundfunks? Letzterer hat seine Kombattanten in den meisten Printmedien, die auf der Eigentümerebene mit dem Privatrundfunk heftig verwoben sind. Redaktionsstatute, die eine gewisse Unabhängigkeit der Redaktion gegenüber den Eigentümerinteressen ermöglichen, sind in den meisten Blättern ein Fremdwort.

Wer sich die aktuelle Medienerregung über die Bestellung von Nikolaus Pelinka & Co. genauer ansieht, muss mit zunehmender Fassungslosigkeit feststellen, dass das Emotionale das Rationale häufig übertrifft. Der Umfang, mit dem auf das Äußere etwa des umfehdeten künftigen Büroleiters von Generaldirektor Alexander Wrabetz in politischen Kommentaren und Artikeln eingegangen wird, ist so auffällig, dass nun Marga Swoboda in der "Kronen Zeitung" dem Phänomen ihre Kolumne gewidmet hat: "Und wie trägt der Pelinka seinen Scheitel?" Nachlesenswert. Aber womit hat das zu tun? Haben sich Society-Journalisten ins politische Ressort verirrt? Darf ein links- oder ein grünorientierter Mensch in den Augen Konservativer, Linker oder Grüner immer noch nicht gut gekleidet und frisiert sein? Oder ist es Strategie? Die Fokussierung auf das Äußere geht in Teilen der Medienberichterstattung einher mit negativen, herabwürdigenden, lächerlich machenden Zuschreibungen. Diese begannen nach der Berufung Pelinkas in den ORF-Stiftungsrat.

Michael Jeannée bezeichnete den damals 24-Jährigen als "Pelinka-Burli" (3. Dezember 2010). Den Begriff "sozialdemokratische Kinderbrigadisten" erfand kurz davor Christian Ortner in der "Presse" (26.November 2010). Später griff dies "Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker auf: Er schrieb modifiziert vom "Kindersoldatenspezialkommando der SPÖ, Laura Rudas und Nikolaus Pelinka", die "halb-gebildete Mittzwanziger" seien, und nannte Pelinka kurz vor der Wrabetz-Wahl zum ORF-Generaldirektor einen "größenwahnsinnigen Sozenschnösel" (8. August 2011). In der aktuellen Debatte wurde Pelinka bei Flaschhacker zum "gelackten Parteikindersoldaten" (28. Dezember 2011). Dies ist nur ein kleiner Auszug der Verbalinjurien. Diesen verbalen Radikalismus begleiten in den Online-Foren inzwischen Mordankündigungen gegenüber Pelinka.

Kritik an dieser völlig überzogenen und möglicherweise sogar gefährlichen Kommentierung, die deutliche Züge der Hetzpublizistik hat, blieb bis jetzt im heimischen Journalismus aus. Wann kommt Einsicht?




Schlagwörter

ORF, Niko Pelinka, Fritz Hausjell

13 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-01-04 15:47:05
Letzte Änderung am 2012-01-11 16:41:17


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Frankreichs wirtschaftliche Probleme, die Kalamitäten Italiens und Spaniens, sowie die selbstgewählte Außenreiterrolle Großbritanniens machen...weiter

Reinhard Göweil Griechenlands Austritt aus der Eurozone könnte bis zu 1000 Milliarden Euro kosten, befürchten britische Experten. Das wiederum würde die Eurozone...weiter

Reinhard Göweil Sozialminister Rudolf Hundstorfer ist ein Mann klarer Worte. Die unterschiedliche Förderung der Landes- und Bundesparteien und die relativ große...weiter

Reinhard Göweil Wer die Griechen als undankbar erlebt, sollte sich anschauen, was mit der Finanzhilfe bisher geschehen ist. Der dreistellige Milliardenbetrag lief...weiter

Reinhard Göweil In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um den wirtschaftspolitischen Kurs der EU prallen Dogmen aufeinander statt Fakten. Wie ist die Ausgangslage...weiter

Reinhard Göweil Frankreichs wirtschaftliche Probleme, die Kalamitäten Italiens und Spaniens, sowie die selbstgewählte Außenreiterrolle Großbritanniens machen...weiter

Reinhard Göweil Griechenlands Austritt aus der Eurozone könnte bis zu 1000 Milliarden Euro kosten, befürchten britische Experten. Das wiederum würde die Eurozone...weiter

Reinhard Göweil Sozialminister Rudolf Hundstorfer ist ein Mann klarer Worte. Die unterschiedliche Förderung der Landes- und Bundesparteien und die relativ große...weiter

Reinhard Göweil In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um den wirtschaftspolitischen Kurs der EU prallen Dogmen aufeinander statt Fakten. Wie ist die Ausgangslage...weiter

Reinhard Göweil Wer die Griechen als undankbar erlebt, sollte sich anschauen, was mit der Finanzhilfe bisher geschehen ist. Der dreistellige Milliardenbetrag lief...weiter




Werbung




Ein Demonstrant zeigt der berittenen Polizei das Victory Zeichen.  Hunderte Amerikaner gingen am Wochenende auf die Straße, um gegen den NATO-Gipfel in Chicago zu protestieren.

Das amerikanische Model Lydia Hearst posiert für die Kamera. Schauspieler Antonio Banderas kommt in Vertretung seiner Frau, Melanie Griffith, zur Red Ribbon Celebration Concert am Vorabend des Life Balls im Burgtheater.

20.05.2012: Auch beim G8-Gipfel führte kein Weg am Champions League-Finale vorbei. Jubel und Trauer lagen sichtbar nah beinand, v.l.n.r.: Der britische Premier David Cameron, US Präsident Barack Obama, deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Kommissionspräsident José Manuel Barroso,, der französische PräsidentFracois Hollande (sitzend). Wien. (cra) Castingshows haben schon lange die Welt der Klassik erreicht: Zum vierten Mal diente der Auftakt der Wiener Festwochen als Austragungsort des Wettbewerbs "Eurovision Young Musicians." 
Im Bild: Emmanuel Tjeknavorian, der österreichische Teilnehmer des "Eurovision Young Musicians 2012".

Werbung