• vom 19.03.2012, 18:10 Uhr

Gastkommentare


Antisemitismus

Finanzkrise und Antisemitismus




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Von Stephan Grigat

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  • In der Debatte über die Krise sind wichtige Elemente des Antisemitismus gegenwärtig, bis hin zur Scheidung in "raffendes" und "schaffendes" Kapital.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Autor von "Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus".

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Autor von "Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus". Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Autor von "Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus".

Die FPÖ hatte 2009 noch die grüne, sozialdemokratische und konservative Konkurrenz im traditionellen Nazi-Jargon als "Handlanger der Amerikaner" denunzierten. In der aktuellen Krise geraten nun in Europa ganz andere Personen und Institutionen als "Handlanger der Amerikaner" ins Visier des Volkszorns: Hedgefondsmanager und Börsenspekulanten, Ratingagenturen und Investmentbanken.

Der Haus- und Hofdichter der "Krone" griff die nationalsozialistische Unterscheidung in "raffendes" und "schaffendes" Kapital auf und reimte in der auflagenstärksten Tageszeitung: "Das Spekulantenpack ist schädlich, doch nicht das Kapital, das redlich." Das "raffende Spekulantenpack" gilt dem ressentimenthaften Krisenbewusstsein als wurzellos, blutleer und gemeinschaftszersetzend, das "redlich schaffende" hingegen als bodenständig, verantwortungsbewusst und gemeinschaftsstiftend. Für die Nazis war und ist klar, dass ersteres jüdisch sei, zweiteres hingegen arisch.


Es bleibt abzuwarten, welches Krisenbewusstsein sich in Deutschland und Österreich letztlich durchsetzen wird, wenn dort die Auswirkungen der Verwertungskrise sich in einer Art bemerkbar machen werden, die heute noch gar nicht abzusehen ist. Die anhaltenden Erfolge der Freiheitlichen lassen ebenso wenig Gutes erahnen wie die keineswegs nur von weiten Teilen der Linken betriebene Hetze gegen einzelne Personifikationen des Kapitals.

In den Diskussionen über die Finanzkrise finden sich zahlreiche Argumentationen, die zumindest strukturelle Ähnlichkeiten zum Antisemitismus aufweisen und immer wieder auch explizite Identifikationen der Mechanismen der globalen Kapitalverwertung mit Juden oder einem vermeintlich "jüdischen Prinzip". Letzteres insbesondere bei faschistischen oder islamistischen Kapitalismuskritikern von Ungarn bis in den Iran, immer wieder jedoch auch in der globalen Linken.

Die Kapitalverwertung bleibt unbegriffen, und es wird lediglich eine konformistische Nörgelei an ihren Erscheinungen formuliert. Der Staat wird als Hüter des Allgemeinwohls gegen die als verwerflich wahrgenommenen Kräfte der Ökonomie in Anschlag gebracht, und diese Ökonomie wird in eine konkretistisch verklärte produktive und eine moralisch zu attackierende spekulative aufgespalten. Das führt mit einer gewissen Notwendigkeit zu einem ressentimenthaften, antiemanzipatorischen Antikapitalismus.

Schon Karl Marx wusste, dass das Kapital als zinstragendes sich, wie er in den "Theorien über den Mehrwert" schrieb, in seiner "wunderlichsten und zugleich der populärsten Vorstellung nächsten Gestalt" befindet und der bevorzugte "Angriffspunkt einer oberflächlichen Kritik" sein werde. Es ist diese "oberflächliche Kritik", die von einem völligen Desinteresse für die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie geprägt ist, die maßgeblich zu den Affinitäten zahlreicher Ausprägungen der Kapitalismuskritik zum Antisemitismus beigetragen hat.




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Dokument erstellt am 2012-03-19 18:17:04



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