• vom 13.04.2012, 17:38 Uhr

Gastkommentare

Update: 13.04.2012, 18:07 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Endlich spielt es die Operette


Von Richard Picker

  • Aus irgendeinem liebevollen Grund scheint die Weltvernunft justament die österreichische Bühne für bedeutsame Auftritte zu verwenden.

Richard Picker ist Psychotherapeut und Theologe in Wien.

Richard Picker ist Psychotherapeut und Theologe in Wien. Richard Picker ist Psychotherapeut und Theologe in Wien.

Wir können das Szenario scheinbar nur zu gut spielen: Man nehme eine ehemalige Sängerin (in der Doppelrolle mit einem unglücklichen Pfarrer), eine empörte Meinungsmache der Moralisch-Gerechten, einen liebevoll hin und her schwankenden Kardinal - diesmal wiederum mit einer Geheimbotschaft, die der eigentlichen vorausgeht und nur auf den Türschlitz wartet, unter dem sie durchgeschoben werden kann - und darüber das alte "dafür-dagegen"-Spiel: "Einerseits, andererseits, man sollte und müsste wohl auch endlich einmal Ordnung machen, jawoll, denn bekanntlich ist die Welt ein Saustall."

Werbung

So könnte die Operette beginnen, und die Protagonisten warten auf ihren Auftritt. Steckte nicht hinter diesen Versatzstücken der Ernst einer Weltmächtigkeit, die gar nichts mehr mit einem Operettchen im Sinn hat.

Die 2000 Jahre alte Kirche bröckelt allerorten. Und dort, wo sie nicht eben am Bröckeln ist, wird sie medial übergangen, denn "only bad news are good news".

Die katholische Kirche - Inbegriff der Stabilität und der Konsistenz - kennt sich selbst nicht mehr. Das ist wahrhaftig nicht zum Lachen!

Kann man wirklich guten Gewissens mit kindischen Begründungen alle Frauen von kirchlichen Ämtern ausschließen? Man kann schon, aber man darf nicht! Die Wahrheit rückt heran und vollzieht ein schreckliches Gericht.

Kann man wirklich guten Gewissens eine Sexualmoral nach dem antiken Modell mit sich weiterschleppen, ungeachtet der psychischen Flurschäden? Man kann sehr wohl, aber wer will das verantworten? So wäre es ein Leichtes, die Kritik weiterzuspinnen. Aber wohin bringt uns das?

Käme es nicht vielmehr darauf an, nicht einander zu zerfleischen, sondern die religiöse oder atheistische Erfahrung aller Menschen gelten zu lassen?

Es ist keine so große Schwierigkeit unter der Behütung der großartigen Kuppeln, die der Weltgenius in St. Peter oder auch anderswo errichtet hat, endlich besinnlich Platz zu nehmen und das Inventar zu sichten und rundum Frieden zu schließen.

Wir haben wirklich alles, was wir zu einem glücklichen Leben brauchen.

Wir haben eine überreiche Vergangenheit und die Visionen einer besseren Zukunft. Klingt wie lyrisches Blabla, ist aber pure Realität, wenn wir verantwortlich zu handeln wagen.

Der Pfarrer von Stützenhofen hat uns eine unfreiwillige, fast groteske Meldung zukommen lassen. Der Wiener Kardinal tut sein Bestes - aber was kann er tun, solange ihm kirchliche Lehrsätze die Hände binden? Er kann sich blamieren, weil es keine tolle Lösung geben kann, weil auch er nicht Hundertschaften rotgewandeter Amtsträger zu beeinflussen vermag, weil die herkömmliche Kirchenorganisation überrollt wird von den Ereignissen des medialen Zeitalters. Und natürlich kann auch der Papst nicht zaubern. Es bleibt die Hoffnung, dass "der Geist in der Schwachheit zur Vollendung kommt".

Immerhin: So großartig der Kardinal die Homosexuellen-Frage bewältigt hat, so großartig müssten wir die Augen von Stützenhofen weg in die Zukunft lenken.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-13 17:44:04
Letzte Änderung am 2012-04-13 18:07:38


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Demokratisch zustande gekommene Gesetze sind die Basis des funktionierenden Rechtsstaates. Der Gesetzwerdungsprozess im Parlament ähnelt manchmal dem...weiter

Walter Hämmerle. Wie soll eine liberale Demokratie - angenommen, bei Österreich handelt es sich um eine solche - mit Demonstranten umgehen...weiter

Reinhard Göweil Frankreich schreit auf und droht das EU-Mandat zum Freihandelsabkommen mit den USA zu blockieren. Es geht um den Medien- und Filmbereich...weiter

Reinhard Göweil Der G8-Gipfel, das war einmal das wichtigste diplomatische Treffen der mächtigsten Regierungschefs der Welt. Eigentlich sind es ja sieben...weiter

Walter Hämmerle. Österreich zieht seine 380 am Golan stationierten UNO-Soldaten ab. Dem internationalen Ansehen des Bundesheeres wird damit ein Bärendienst erwiesen...weiter

Walter Hämmerle. Sollte neben den Fidschi-Inseln tatsächlich auch das blockfreie Schweden, das ebenfalls gegen die Aufhebung des EU-Waffenembargos für Syrien kämpfte...weiter

Walter Hämmerle. Österreich zieht seine 380 am Golan stationierten UNO-Soldaten ab. Dem internationalen Ansehen des Bundesheeres wird damit ein Bärendienst erwiesen...weiter

Reinhard Göweil Die entspannteren Internet-Benutzer schrieben E-Mails an den US-Geheimdienst NSA, er möge ihnen doch die leider vergessenen Bankomat-Passwörter...weiter

Reinhard Göweil Das brutale Vorgehen der Staatsmacht am Taksim-Platz in Istanbul und die martialischen Töne von Ministerpräsident Erdogan zeigen...weiter

Walter Hämmerle. Wie soll eine liberale Demokratie - angenommen, bei Österreich handelt es sich um eine solche - mit Demonstranten umgehen...weiter




Werbung




Schwere Unwetterschäden nach einem Murenabgang im Ortskern von Hallstatt aufgenommen am Mittwoch, 19. Juni 2013. Nach einem heftigen Unwetter ist der Mühlbach über die Ufer getreten wobei eine Mure den Ortskern von Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut beschädigt hat.

Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk. Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt.

19.6.2013: Ein Turopolje-Schwein schwimmt in einem Teich im Tierpark in Schleswig-Holstein. Die robusten Schweine stammen ursprünglich aus den Flussniederungen der Save in Kroatien. Die Turopolje sind ausgezeichnete Schwimmer, die sich bei Überschwemmungen die Nahrung auch unter Wasser suchen und sogar nach Muscheln tauchen. Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück.

Werbung