• vom 23.04.2012, 18:12 Uhr

Gastkommentare

Update: 24.04.2012, 21:24 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Keine Scheu vor dem Tod


Von Lucia Kautek

  • Wie es scheint, sind die Leichenwagen aus dem Stadtbild verschwunden, weil man den Bürgern nicht zumuten will, mit dem Tod konfrontiert zu werden.

Lucia Kautek ist
Kinderärztin in Wien.

Lucia Kautek ist
Kinderärztin in Wien.
Lucia Kautek ist
Kinderärztin in Wien.

In seinem preisgekrönten Film "Atmen" behandelt Karl Markovics die Erfahrungen eines jungen zu rehabilitierenden Strafgefangenen in einem Beerdigungsunternehmen. Nach dem Kinobesuch habe ich mich gefragt: Wo sind eigentlich die Leichenwagen in der Stadt? Warum sieht man sie nicht? Wann und wo werden die Verstorbenen eigentlich transportiert? Diese Frage war mir vorher noch nie bewusst, und zu meiner großen Überraschung habe ich bei Recherchen die Antwort bekommen: Die Leichenwagen fahren eher nachts, damit man sie im Stadtbild nicht so wahrnimmt. Ich hoffe sehr, das war ein schlechter Witz. Aber mein Erstaunen bleibt, und ich frage mich ernsthaft, ob es sein kann, dass man uns Bürgern tatsächlich inmitten der Stadt den Anblick von Leichenwagen mit der Erinnerung an den Tod nicht zumuten will. Und das in einer Stadt, die den Tod gelegentlich melancholisch als etwas Erstrebenswertes besingt. Ich kann und will das nicht glauben.

Werbung

Was erwartet man von uns Bürgern?

Glaubt man, wenn ich vor einem Supermarkt stehe und einen Leichenwagen sehe, dass ich dann denke, es lohnt sich ja gar nicht, so viel einzukaufen? Wer weiß, ob ich das alles noch brauche?

Ich könnte doch umgekehrt denken, jetzt lasse ich es mir noch richtig gut gehen und kaufe beste Sachen, bevor es eines Tages nicht mehr schmeckt.

Glaubt man, wenn ich vor einem Möbelgeschäft, in dem ich mir ein neues Bett kaufen wollte, dass ich dann beim Anblick eines vorbeifahrenden Leichenwagens denke, ich brauche vielleicht gar kein neues Bett mehr, sondern könnte gleich auf meinen Sarg sparen?

Ich könnte doch denken, jetzt erneuere ich ganz bewusst meine Wohnung und mache es mir schön, bevor es sich nicht mehr lohnt.

Glaubt man, wenn ich in der Straßenbahn sitze und ein Leichenwagen fährt vorbei, dass ich dann erschrecke? Es könnte doch im Gegenteil so sein, dass mich die Unfreundlichkeit der Mitmenschen und der Ärger, der mich gerade plagt, nicht mehr so tief berühren, sondern dass ich mir sage, lass es gut sein, lass uns freundlich zueinander sein, bevor es zu spät ist. Könnte doch sein.

Mich würden Leichenwagen im Stadtbild sicher nicht stören. Ich denke, es tut uns Menschen gut, wenn wir den Ernst des Lebens inklusive Tod im Alltag nicht ausklammern. Frag nach bei Karl Markovics. Der wird das bestätigen. Er zeigt in seinem Film, welche menschliche Veränderung in einem geschehen kann, wenn man den Tod eben nicht ausklammert.

Ich erinnere mich noch an Szenen aus meiner Kindheit: Wenn ich mit meiner Großmutter unterwegs war und ein Leichenzug oder Leichenwagen unseren Weg kreuzte, sagte meine Oma ganz automatisch: "Der Herr schenke ihm die Ewige Ruhe und das Ewige Licht leuchte ihm! Herr, lasse ihn ruhen in Frieden! Amen."

Wie oft und wie ungeniert wurde damals den Verstorbenen Frieden auf ihrem letzten Weg zugesagt. Was für eine schöne menschliche Geste!

Verstecken wir also nicht die Leichenwagen.




Schlagwörter

Gastkommentar, Lucia Kautek

3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-23 18:17:08
Letzte Änderung am 2012-04-24 21:24:27


Beliebte Inhalte



Walter Hämmerle. Die Nachricht von der Bespitzelung kritischer US-Journalisten durch die Obama-Administration wurde in den meisten europäischen Medien mit einem...weiter

Reinhard Göweil Großkonzerne wie Apple, Amazon oder Microsoft zahlen wenig bis gar keine Steuern. Die mannigfaltigen, völlig legalen Steuerausnahmen gepaart mit...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Der junge Mann, der an der Med-Uni Graz nicht jene Lehrveranstaltungen besuchen konnte, die ihm einen rascheren Studienabschluss ermöglicht hätten...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter



Werbung




Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971,

Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. 23.05.2013: Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird. Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Werbung