• vom 08.05.2012, 16:36 Uhr

Gastkommentare

  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Nazismus postmodern


Von Haimo L. Handl

  • Wie schnell sind heute Gutmenschen mit dem Rassismusvorwuf zur Stelle, wie vehement laufen Rufmordkampagnen im Netz ab!

Haimo L. Handl ist Politik- und Kommunikationswissenschafter.

Haimo L. Handl ist Politik- und Kommunikationswissenschafter. Haimo L. Handl ist Politik- und Kommunikationswissenschafter.

Immer mehr zeigt sich nazistisches Säuberungsdenken im Mantel sogenannter besorgter Demokratiebewegungen. Als politische reife Aktivierung aufrechter Bürger wird vermehrt nach Zensur und Verfolgung gerufen, werden polizeistaatliche Maßnahmen gefordert, werden Feinde "zum Abschuss" freigegeben. Kunst müsse politisch aktiv werden.

Werbung

Das findet auch der polnische Künstler Artur Zmijewski, dessen Gaskammer-Tanzvideos aus einem ehemaligen KZ nicht in allen Museen gezeigt werden durften und der als Kurator der Kunstaktion der laufenden Berlin Biennale fungiert. In seinem Programm hat der Tscheche Martin Zet sein Kunstprojekt vorgestellt: "Deutschland schafft es ab", eine Sammelaktion von Thilo Sarrazins heftig kritisiertem Buch "Deutschland schafft sich ab". 60.000 Exemplare will Zet einsammeln und für eine Installation verwenden, nach deren Ende sollen die Bücher "recycled" werden.

Namhafte, von öffentlicher Hand subventionierte Kulturorganisationen beteiligen sich daran. Erst nach Kritik haben sich einige zu Distanzierungen und Absagen bequemt.

Bemerkenswert, mit welchen Euphemismen die Künstler und ihre Unterstützer operieren: "Recycling" statt des treffenderen Terminus "Entsorgung". Die Entsorgung ist eine Vernichtung, Recycling steht als gängiges Etikett für den modischen Begriff der "Transformation".

Interessant auch die Begründungen: Es gehe "um einen guten Zweck". Die Aktion diene dazu, "das Buch als aktives Werkzeug zu benutzen, das den Menschen ermöglicht, ihre eigene Position zu bekunden".

So argumentierten die SA-Schergen und ihre begeisterten Helfershelfer und Mitläufer, Studenten und Professoren, bei den Bücherverbrennungen der Nazis. Auch damals ging es um missliebige Bücher, auch damals bezogen die Beteiligten eine Kulturposition, nutzten die Bücher als Werkzeug zu eben dieser Kulturtat der Vernichtung. Dem Sinn nach entspricht die geplante Berliner Entsorgung durch "Recycling" der Verbrennung. Der Rekurs auf politische Aktivierung und Kunst, sozusagen als besondere Qualität zivilgesellschaftlicher Reife, kann den faschistischen Kern der Säuberung, Reinigung, Purifizierung durch Vernichtung nicht verdecken.

Dieses gefährliche, politische, künstlerische Denken hat eine lange Tradition. In Zeiten der Orientierungsschwäche sehen allzu viele den "guten Zweck" als Legitimation für jede Aktion. Aber wenn der Zweck einmal jedes Mittel heiligt, schließt "alle" eben auch die inakzeptablen mit ein. Dagegen ist zu protestieren. Wie schnell sind heute Gutmenschen mit dem Rassismusvorwuf zur Stelle, wie zügig wird nach Kriterien politischer Korrektheit zensuriert, wie vehement laufen Rufmordkampagnen im Netz ab! Hinter den meisten dieser Aktionen steht ein schiefer Realismusbegriff für Kunst und Politik beziehungsweise für die Verbindung von Kunst mit Politik: Kunst als Politikersatz. Aber dieser Ersatz bleibt eben nicht Kunst, sondern wirkt, als Politik, vergiftend, verheerend, entsorgend. Schlussendlich tödlich. Wie schrieb doch Heinrich Heine: "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen."




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-08 16:41:05


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Großkonzerne wie Apple, Amazon oder Microsoft zahlen wenig bis gar keine Steuern. Die mannigfaltigen, völlig legalen Steuerausnahmen gepaart mit...weiter

Walter Hämmerle. Die Nachricht von der Bespitzelung kritischer US-Journalisten durch die Obama-Administration wurde in den meisten europäischen Medien mit einem...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Der junge Mann, der an der Med-Uni Graz nicht jene Lehrveranstaltungen besuchen konnte, die ihm einen rascheren Studienabschluss ermöglicht hätten...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter



Werbung




Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung