• vom 31.05.2012, 15:04 Uhr

Gastkommentare

Update: 31.05.2012, 17:31 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Sarrazins nächster Coup


Von Alexander von der Decken

  • Thilo Sarrazin könnte das Manuskript von "Europa braucht den Euro nicht" auf die Straße legen, die Leute würden es auf eigene Kosten kopieren.

Alexander von der Decken ist außenpolitischer Redakteur in Bremen.

Alexander von der Decken ist außenpolitischer Redakteur in Bremen. Alexander von der Decken ist außenpolitischer Redakteur in Bremen.

Werbung hat Thilo Sarrazin nicht nötig. Die machen andere für ihn - all jene, die das Buch spitzfingrig und empörungsgerötet durchblättern, wenn sie es denn überhaupt tun. Pünktlich zum Erscheinungstermin greift die Protestfraktion mit ihrer Verachtungsrhetorik zur Axt, um die Auseinandersetzung auf sehr deutsche Art zu betreiben. Worthülsen-Pingpong statt mit den Argumenten zu jonglieren. Streitkultur für das öffentliche Auge - die Bundestagswahl im kommenden Jahr wirft bereits ihren langen Schatten. Denken und Handeln der Parteien ist schon in den Parteiprogrammen erstarrt. Die Rituale halten Einzug.

Werbung

Das alles ist zu wenig in einer Zeit, in der das ökonomische Gefüge global auseinanderbrechen kann. Da ist jeder Gedanke wertvoll, auch wenn er provokativ ist. Vielleicht gerade deshalb. Die Parteien hören nur noch auf den eigenen Herzschlag, während der Souverän, das Volk, ernsthaft zu erkranken droht. Schon bei Sarrazins dem millionenfach verkauftem Erstlingswerk "Deutschland schafft sich ab", wurde das Sterben des öffentlichen Diskurses sichtbar. Es hat sich zwischenzeitlich nichts geändert. Das ist der eigentliche Skandal.

Worum geht es? Sarrazin bringt zu Papier, was viele denken. Das ist kein Argument für das Buch, aber eben auch keines dagegen. Er jongliert mit der Provokation, indem er den Euro als das entlarvt, wofür er ihn hält: ein politisches Zuchtmittel, das Deutschland keinen ökonomischen Vorteil bringt. In lyrischer Überhöhung geißelt Sarrazin die Wirtschafts- und Währungsunion als ein Instrument, das lediglich dazu diene, Deutschland in Büßerstarre für die Schuld am Zweiten Weltkrieg zu halten. Er beklagt den Verlust der Eigenständigkeit der Europäischen Zentralbank und erklärt, dass Deutschland nicht für die fiskalpolitischen Bilanzierungskünste anderer europäischer Mitgliedsstaaten zur Verantwortung zu ziehen sei. Diese Thesen mögen das Denkungsraster der politischen Parteien sprengen, aber sie stehen nun einmal im Raum und werden bei aller Aufgeregtheit nicht als das erkannt, was sie sind: Provokation um der Provokation willen. Und die muss gestattet sein in einem demokratischen Gemeinwesen. Der Disput ist die Garantie für den Fortbestand eines jeden öffentlichen Gemeinwesens.

Womit wir bei der Person von Thilo Sarrazin angelangt sind. Der Mann ist die Provokation in Person. Das ist beabsichtigt. Denn natürlich will Sarrazin nicht nur den öffentlichen Diskurs befeuern, er will auch die Kassen klingeln hören. Und das scheint nach der "Präsentation" seines neuen Buches "Europa braucht den Euro nicht" gesichert.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung darüber wird es nicht geben, die Streitkultur hierzulande beschränkt sich auf die Streitaxt, die Handhabung des Floretts beherrscht die intellektuelle Klasse hierzulande nicht. Das hat seine Ursache in der Abgrenzung von Philosophie und Politik - vielleicht auch in der Unfähigkeit, das Licht von Visionen auf Parteiprogramme scheinen zu lassen. Souveränität und Mut brauchen die Provokation nicht zu fürchten, aber beides muss vorhanden sein.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-31 17:11:07
Letzte Änderung am 2012-05-31 17:31:18


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wir Menschen sind Mängelwesen. Leider nicht nur in moralischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf unsere körperliche Hinfälligkeit...weiter

Reinhard Göweil Während die SPÖ noch versucht, in die Gänge zu kommen, macht die ÖVP bereits voll in Optimismus für die kommende Nationalratswahl...weiter

Reinhard Göweil In Tirol liebäugelt die ÖVP-Führung mit einer Koalition mit den Grünen. In Salzburg geht sich das zwar rechnerisch nicht aus...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Reinhard Göweil Die "Westliche Honigbiene" (im Titel ihre wissenschaftlich korrekte Bezeichnung) ist ein Symbol für Fleiß und die Bildung eines arbeitsamen...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter




Werbung




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung