• vom 16.08.2012, 17:58 Uhr

Gastkommentare

  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Assad - Kriegsverbrecher oder potenzieller Asylant?


Von Clemens M. Hutter

  • Der Abgesang des UNO-Vermittlers Kofi Annan hat bestätigt, dass Syriens geopolitische Bedeutung mehr zählt als 20.000 Tote.

Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten".

Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten".© Copyright 2008 Clemens M. Hutter war Ressortchef Ausland der "Salzburger Nachrichten".© Copyright 2008

Im deutschen Zentralorgan für bescheidene Ansprüche erklärte Außenminister Guido Westerwelle seinen Landsleuten die Lösung des mörderischen Dramas in Syrien so: Machthaber Bashar al-Assad müsse vor das internationale Tribunal in Den Haag. Auch seine Ausreise in ein Exil sei möglich. Keinesfalls aber militärisches Eingreifen, weil es die Probleme verschärfe, statt sie zu lösen.

Werbung

Ist Assad nun ein Kriegsverbrecher oder ein potenzieller Asylant? Dieser logische Widerspruch stärkt Assads Durchhaltewillen im Kampf gegen "Terroristen". Wer fängt ihn und überstellt ihn nach Den Haag? Verliert er den Bürgerkrieg, darf er sogar straffrei ins Exil flüchten.

Nach Artikel 39 der UNO-Charta beschließt der Sicherheitsrat entsprechende Maßnahmen, falls "eine Bedrohung oder ein Bruch des Friedens oder eine Angriffshandlung vorliegt". Dass Assad friedliche Demonstrationen niederschlug und somit einen Bürgerkrieg auslöste, ist ein nationaler Vorgang, in den sich niemand einzumischen hat. Dass jedoch ein Bürgerkrieg nicht innere Angelegenheit eines souveränen Staates ist, entschied der Sicherheitsrat 1992 im Fall des "gescheiterten Staates" Somalia, der sein Gewaltmonopol an mörderische Clans verloren hatte und zudem die von einer Hungersnot gepeinigte Bevölkerung nicht mehr schützen konnte. Unter Hinweis auf die Not des Volkes und die schweren Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht billigte der UNO-Sicherheitsrat den Einsatz militärischen Zwanges, damit humanitäre Hilfe möglich würde. Zwar blieb der erhoffte Erfolg aus, entscheidend ist aber, dass der Sicherheitsrat erstmals einen Bürgerkrieg als Bedrohung des Friedens qualifizierte. Ein Muster also für den Fall Syrien?

Dagegen spricht der Rücktritt des UNO-Vermittlers Kofi Annan. Seit Februar mühte er sich um ein Ende des Massakers und der krassen Verstöße gegen die Menschenrechte. Im April handelte er sogar einen Waffenstillstand aus. Der war aber das Papier nicht wert, auf dem er stand. Für diesen Fehlschlag stempelte ihn die "Weltdiplomatie" zum Prügelknaben: Annan sei zu zaghaft. Er konnte eben nicht nach Mao Zedongs berühmtem Satz handeln: "Politische Macht wächst aus Gewehrläufen." Moralische Autorität reichte leider nicht.

Annans Abgesang ist eine deprimierende Anklage: "Während das syrische Volk verzweifelt nach Taten verlangt, gehen die gegenseitigen Schuldzuweisungen im Sicherheitsrat weiter. Ohne ernsten, entschlossenen und vereinten internationalen Druck ist es mir wie auch jedem anderen unmöglich, an erster Stelle die syrische Regierung - aber auch die Opposition - zu zwingen, mit den nötigen Schritten einen politischen Prozess zu beginnen."

Trübe Aussichten also für Annans Nachfolger. Die UNO riskiert zu Recht keinen Krieg gegen Assad, zumal Syrien im Gegensatz zu Somalia eine globalpolitische Rolle einnimmt. Russland deckt Assad, weil es durch seinen Sturz die letzte Bastion im Orient verlöre. Folglich gleicht Westerwelles Rezept dem Versuch, Assad zu waschen, ohne ihn nass zu machen. Was zählen eigentlich 20.000 getötete Syrer?




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-16 18:05:09


Beliebte Inhalte



Walter Hämmerle. Die Nachricht von der Bespitzelung kritischer US-Journalisten durch die Obama-Administration wurde in den meisten europäischen Medien mit einem...weiter

Reinhard Göweil Großkonzerne wie Apple, Amazon oder Microsoft zahlen wenig bis gar keine Steuern. Die mannigfaltigen, völlig legalen Steuerausnahmen gepaart mit...weiter

Reinhard Göweil Der junge Mann, der an der Med-Uni Graz nicht jene Lehrveranstaltungen besuchen konnte, die ihm einen rascheren Studienabschluss ermöglicht hätten...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wir Menschen sind Mängelwesen. Leider nicht nur in moralischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf unsere körperliche Hinfälligkeit...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter



Werbung




Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung