• vom 01.10.2012, 17:23 Uhr

Gastkommentare

  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Viele Köche legitimieren den Brei


Von Christian Rois

  • Die Bürger werden zum Mitreden aufgefordert. Gefährlich ist, wenn dieses Instrument ohne sinnvolle Begleitmaßnahmen eingesetzt wird.

Christian Rois ist systemischer Politikberater sowie Mitbegründer und Eigentümer der Organisationsberatung Edelweiss-Consulting.

Christian Rois ist systemischer Politikberater sowie Mitbegründer und Eigentümer der Organisationsberatung Edelweiss-Consulting.© Copyright Christina Haeusler Christian Rois ist systemischer Politikberater sowie Mitbegründer und Eigentümer der Organisationsberatung Edelweiss-Consulting.© Copyright Christina Haeusler

Eine Tageszeitung ruft ihre Leser auf, Verbesserungsvorschläge für Österreichs Politik zu formulieren, die Bundesregierung ruft das Wahlvolk auf, über die Zukunft der Landesverteidigung zu bestimmen. Die Legitimitätskrise der Politik und die mittlerweile auf ungewohntes Niveau angestiegene Distanz zwischen Bürgern und Politik bringt die Politik hin zu bürgernahen Beteiligungsformaten, die dazu beitragen sollen, Politik erlebbar und gestaltbar für die Bevölkerung zu machen. Wenn etwa die Stadt Wien eine Charta des Zusammenlebens erarbeitet und der öffentliche Dienst in einen "Reformdialog" tritt. Partizipationsinstrumente erleben gerade einen Hype in Österreich. OpenSpace und World-Cafés statt Expertenreferaten und Frontalberieselung scheint der Trend.

Werbung

Vorbilder der Großgruppenformate sind amerikanische "Town Hall Meetings". Anders als die Schweizer urdemokratischen "Landgemeinden" sind "Town Hall Meetings" Dialog-Angebote ohne Entscheidungskraft. Die Politik ist von den neuen Formaten begeistert. Gefährlich ist, wenn dieses Instrument ohne sinnvolle Begleitmaßnahmen eingesetzt wird. Es muss garantiert sein, dass mit den Ergebnissen einer Großgruppenintervention sinnvoll weitergearbeitet wird. Eine Großgruppenveranstaltung durchzuführen und gleichzeitig ein fertig geschriebenes Konzept in der Schublade zu haben, ist unredlich und führt zu langfristiger Demotivation der Teilnehmenden. Die häufigsten Fehler sind mangelndes Prozessverständnis und Verzicht auf Struktur. Wichtig ist, keine Erwartungen zu wecken, die dann nicht gehalten werden.

Ich denke dabei an die Perspektivengruppen von Josef Pröll. Obwohl die Idee gut gemeint und teilweise auch gut umgesetzt wurde, ging viel Energie verloren. Zwar gab es zehn Subgruppen, die sogenannten Impulsgruppen, für den Perspektivenprozess, diese hatten aber keine Vorgaben, wie sie die Inhalte erarbeiten sollten. Dementsprechend divers wurden die einzelnen gesellschaftspolitischen Themen bearbeitet. Während die eine Impulsgruppe lediglich Expertenrunden veranstaltete und ein Expertenpapier produzierte, wurde in anderen Gruppen unter Beteiligung von Funktionären gearbeitet, wieder andere Gruppen arbeiteten mit öffentlichen Aktionen und produzierten auf dieser Art und Weise sehr unterschiedliche Ergebnisse.

Großgruppen sind nur als Teilschritt wirksam. Bei einer Großgruppenveranstaltung kann ein Ergebnis kaum prognostiziert werden, daher müssen sich die Veranstalter damit auseinandersetzen, dass die eingeladenen Teilnehmer eine gänzlich andere Meinung haben können als sie selbst.

In Zahlen ausgedrückt könnte man sagen, dass etwa 70 Prozent der Ergebnisse, die erarbeitet werden, mit der bisherigen Linie sehr übereinstimmen. Die restlichen 30 Prozent teilen sich auf in 15 Prozent Genialität und 15 Prozent Wahnsinn. 15 Prozent der neuen Ideen bringen frische Impulse, die man auch verfolgen kann - vorausgesetzt, dass eine entsprechende strukturelle Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung vorhanden sind.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-01 17:29:41


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Der junge Mann, der an der Med-Uni Graz nicht jene Lehrveranstaltungen besuchen konnte, die ihm einen rascheren Studienabschluss ermöglicht hätten...weiter

Reinhard Göweil Die Rechnung von Grünen-Wirtschaftssprecher Kogler, dass am Ende des Tages zehn Milliarden Euro aus der "Bankenrettung" beim Steuerzahler hängen...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Walter Hämmerle. Wir Menschen sind Mängelwesen. Leider nicht nur in moralischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf unsere körperliche Hinfälligkeit...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter

Reinhard Göweil Während die SPÖ noch versucht, in die Gänge zu kommen, macht die ÖVP bereits voll in Optimismus für die kommende Nationalratswahl...weiter




Werbung




Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi" Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York.

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: 21. 5. 2013: Schwere Zeiten für Fans des glänzenden Metalls: Der Goldpreis erklimmt keine neuen Höhen mehr, das Interesse der Anleger ist merkbar gesunken.

Werbung