• vom 02.10.2012, 18:27 Uhr

Gastkommentare

  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Migration braucht ein Archiv - aber was für eines?


Von Dirk Rupnow

  • Die Geschichte(n) jener Menschen, die als Arbeiter nach Österreich geholt wurden, müsste(n) längst im kollektiven Gedächtnis festgeschrieben werden.

Dirk Rupnow ist Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck und beschäftigt sich derzeit in zwei Forschungsprojekten mit der Geschichte der Arbeitsmigration in Österreich.

Dirk Rupnow ist Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck und beschäftigt sich derzeit in zwei Forschungsprojekten mit der Geschichte der Arbeitsmigration in Österreich.© © Foto Weinwurm, 1070 Wien, www.fotoweinwurm.at Dirk Rupnow ist Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck und beschäftigt sich derzeit in zwei Forschungsprojekten mit der Geschichte der Arbeitsmigration in Österreich.© © Foto Weinwurm, 1070 Wien, www.fotoweinwurm.at

Gelegentlich wurde in den vergangenen Jahren konstatiert, die Geschichte der Migration müsste (endlich!) in Österreichs kollektives Gedächtnis eingeschrieben werden. Bisher gibt es hier ganz offensichtlich eine Leerstelle und wird von der Mehrheit im Land immer noch gerne eine - freilich nie da gewesene - homogene Nation imaginiert oder sogar gewalthaft zu realisieren gefordert. Der lange Zeit verwendete, übrigens aus der NS-Zeit herrührende Begriff des "Gastarbeiters", der das Land wieder zu verlassen hat, sobald seine Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird, ist Ausdruck dieser Tatsache wie auch Mitursache für die gegenwärtige Situation. Wie aber wäre etwas ins kollektive Gedächtnis einzuschreiben? Schulbücher spielen da sicher eine große Rolle, auch Museen und Ausstellungen. Vor allem aber müssten die Geschichten und Erfahrungen der Migration erst einmal im Archiv ankommen, der grundlegendsten Infrastruktur des kollektiven Gedächtnisses. Bisher ist die Migration in den etablierten Einrichtungen schlecht vertreten; systematisch ist dazu praktisch nicht gesammelt worden; wichtige Bestände sind verstreut und auch weitgehend unbekannt (oder bereits vernichtet worden); historisches Erfahrungswissen und private Überlieferungen drohen durch den generationellen Wandel verloren zu gehen. Der öffentliche Diskurs wird neben den bedauerlicherweise dominierenden Polemiken und Rassismen bestimmt von sozialwissenschaftlichen Analysen und Statistiken, nicht aber von historischem Wissen und Geschichte(n), auch weil Grundlagen fehlen.

Werbung

Wie sollte ein Archiv der Migration aussehen? Sollte es ein integrierter Teil der etablierten staatlichen Archive sein? Oder eine eigenständige Einrichtung? Im einen Fall droht das Thema vielleicht erneut unsichtbar, im anderen eine gesellschaftliche Ghettoisierung dupliziert zu werden. Welche Quellen wären relevant und müssten gesichert werden? Neben staatlichem Schriftgut die Überlieferungen gesellschaftlicher und politischer Organisationen wie der Gewerkschaften und natürlich von Unternehmen. Und welche Formen und historischen Ausprägungen von Migration sollten berücksichtigt werden, jenseits der die Debatte prägenden Arbeitsmigration seit den 1960ern? Entscheidend ist in jedem Fall, den Betroffenen selbst einen Raum zu geben. Ihre Stimmen und Erinnerungen bleiben zu oft ungehört. Die Dokumente migrantischer Selbstorganisation sollten ebenso bewahrt werden wie individuelle Zeugnisse.

Neben umfangreichen historischen Recherchen bedarf es vor allem einer öffentlichen Debatte. Letztlich geht es um eine Veränderung der allgemeinen Wahrnehmung: Migration und Migranten als ein selbstverständlicher, sicht- und hörbarer Teil der Gegenwart und Geschichte. Vermutlich wird sich im Laufe einer solchen Debatte zeigen, dass unterschiedliche Maßnahmen und Strukturen nötig sind, etwa ein eigenständiges Archiv der Migration und der Migranten, aber auch eine verstärkte Berücksichtigung in bestehenden Einrichtungen. Und damit wäre vielleicht ein wichtiger Schritt getan, um Migration im kollektiven Gedächtnis Österreichs zu verankern.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-02 18:32:07


Beliebte Inhalte



Walter Hämmerle. Wie soll eine liberale Demokratie - angenommen, bei Österreich handelt es sich um eine solche - mit Demonstranten umgehen...weiter

Reinhard Göweil Der G8-Gipfel, das war einmal das wichtigste diplomatische Treffen der mächtigsten Regierungschefs der Welt. Eigentlich sind es ja sieben...weiter

Reinhard Göweil Frankreich schreit auf und droht das EU-Mandat zum Freihandelsabkommen mit den USA zu blockieren. Es geht um den Medien- und Filmbereich...weiter

Walter Hämmerle. Sollte neben den Fidschi-Inseln tatsächlich auch das blockfreie Schweden, das ebenfalls gegen die Aufhebung des EU-Waffenembargos für Syrien kämpfte...weiter

Reinhard Göweil Die entspannteren Internet-Benutzer schrieben E-Mails an den US-Geheimdienst NSA, er möge ihnen doch die leider vergessenen Bankomat-Passwörter...weiter

Walter Hämmerle. Österreich zieht seine 380 am Golan stationierten UNO-Soldaten ab. Dem internationalen Ansehen des Bundesheeres wird damit ein Bärendienst erwiesen...weiter

Walter Hämmerle. Sollte neben den Fidschi-Inseln tatsächlich auch das blockfreie Schweden, das ebenfalls gegen die Aufhebung des EU-Waffenembargos für Syrien kämpfte...weiter

Reinhard Göweil Die entspannteren Internet-Benutzer schrieben E-Mails an den US-Geheimdienst NSA, er möge ihnen doch die leider vergessenen Bankomat-Passwörter...weiter

Reinhard Göweil Das brutale Vorgehen der Staatsmacht am Taksim-Platz in Istanbul und die martialischen Töne von Ministerpräsident Erdogan zeigen...weiter

Reinhard Göweil Frankreich schreit auf und droht das EU-Mandat zum Freihandelsabkommen mit den USA zu blockieren. Es geht um den Medien- und Filmbereich...weiter




Werbung




Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk.

Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt. 18.6.2013: Heute herrscht in Österreich wieder Badewetter: Über 35 Grad Celsius werden erwartet.

Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück. Ein frömmelnder Heuchler schleicht sich in das Vertrauen eines alten Patriarchen und versucht, sich alles anzueignen, was diesem teuer ist: Frau, Haus und Tochter. Abgespielt hatte sich das Ganze in der Wohnküche eines Landhauses, auf den Brettern des Akademietheaters. Im Bild: Gert Voss (r.) als "Orgon", Edith Clever (m.) als "Dorine" und Adina Vetter als "Marianne".

Werbung