• vom 23.10.2012, 18:33 Uhr

Gastkommentare

  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Gastkommentar

Gefallene und tote Engel des Doping-Sports


Von Lutz Lischka

  • Die Welt schlägt die Hände über einen gefallenen Superstar zusammen. Lance Armstrongs Titel sind aberkannt, die Heuchelei im Spitzensport bleibt.

Lutz Lischka war im Judo Fünfter bei den Olympischen Spielen 1972 in München und jahrzehntelang Sportredakteur bei verschiedenen Zeitungen.

Lutz Lischka war im Judo Fünfter bei den Olympischen Spielen 1972 in München und jahrzehntelang Sportredakteur bei verschiedenen Zeitungen. Lutz Lischka war im Judo Fünfter bei den Olympischen Spielen 1972 in München und jahrzehntelang Sportredakteur bei verschiedenen Zeitungen.

Die Wiener Gratiszeitung "Heute" versteigt sich in der Diskussion um Lance Armstrongs Doping sogar, die größten "Betrüger" der Sportgeschichte zu nennen: darunter die Sprinter Ben Johnson und Marion Jones, die ebenfalls wegen Dopings in Ungnade fielen. Für alle anderen "Betrüger" gilt die naive Unschuldsvermutung.

Werbung

Nachdem man Jones ihre Olympia-Medaillen von Sydney 2000 aberkannt hatte, wurde die Griechin Ekaterini Thanou vorübergehend als virtuelle Olympiasiegerin auf Platz eins des 100-Meter-Sprints gesetzt. Nur leider stellte sich im Nachhinein heraus, dass auch sie gedopt war.

Jones sagte später, von Reportern mit dem Betrugsvorwurf konfrontiert: "Wen soll ich betrogen haben? Die Leute, die wegen mir ins Stadion gekommen sind? Die TV-Stationen, die sich bei Übertragungen mit mir eines Millionenpublikums sicher sein konnten? Oder die Gegnerinnen, von denen einige ebenfalls des Dopings überführt wurden?"

Wer im Zusammenhang mit Doping das Wort "Betrug" in den Mund nimmt, geht am Kernproblem vorbei. Im Prinzip ist es ein gesellschaftliches Problem, so wie im Breitensport oder bei Studenten, so wie bei Ärzten und Managern, die glauben, mit leistungssteigernden Mitteln ihre schwere Aufgaben leichter bewältigen zu können.

Als junger, talentierter Sportler hast du heute, wenn du dich nicht, wie zum Beispiel unsere neuen Tischtennis-Europameister, einem rein technischen Sport verschrieben hast, fast nur zwei Möglichkeiten: Entweder du schreibst den Spitzensport ab und bewegst dich auf einem befriedigenden Niveau - oder du spielst auf der Jagd nach Goldmedaillen mit, ohne zu wissen, was gesundheitlich auf dich zukommt.

Spitzensportler sterben oft genug in ihren Zwanzigerjahren und darüber. Ihr Totenschein wird häufig auf "plötzliches Herzversagen" ausgestellt, ohne dass untersucht wird, warum der Herzmuskel wegen anormaler Verdickung nicht mehr richtig pumpen konnte. Oder sie sterben wegen unverantwortlichen Dopings von Ärzten wie zum Beispiel beim italienischen Fußballklub Sampdoria Genua, wo einige Spieler an amyotropher Lateralsklerose erkrankten, darunter leider auch Ernst Ocwirk, einer unserer Superstars der 1950er.

Aber - und das ist die gute Nachricht - du kannst es auch ohne Doping schaffen! Sebastian Coe, Olympiasieger über 1500 Meter 1980 und 800-Meter-Weltrekordler 1981, behandelte das Thema in seinem Buch "The Winning Mind" ausführlich. Von Kindheit an richtig trainiert (ohne Überehrgeiz der Eltern), gefördert an Schule und Hochschule und nie die Freude am Sport verloren - dann ist Doping überflüssig. Coe bezeichnet Doping als gefährliche Abkürzung in den Spitzensport. Es gibt weitere Experimente mit Sportlern, etwa jene des Wiener Sportwissenschafters Hans Holdhaus, den Weg zur Spitze ohne Doping zu finden.

Leider passiert das selten genug und wird in unserer Zeit, in der schneller Erfolg gesucht wird, nicht wirklich anerkannt. Deshalb bleibt die Doping-Dunkelziffer gewaltig hoch, und es werden weitere Superstars fallen und Spitzensportler sterben.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-23 18:38:06


Beliebte Inhalte



Reinhard Göweil Dem jungen Mann, der an der Med-Uni Graz nicht jene Lehrveranstaltungen besuchen konnte, die ihm einen rascheren Studienabschluss ermöglicht hätten...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter

Walter Hämmerle. Wir Menschen sind Mängelwesen. Leider nicht nur in moralischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf unsere körperliche Hinfälligkeit...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter

Walter Hämmerle. Wenn vier Wahlgänge innerhalb weniger Wochen zu schlagen sind, ist es naheliegend, dass anschließend die große Suche nach Gewinnern und Verlierern...weiter

Reinhard Göweil Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bezeichnete die mit 28 Prozent unverändert geringe Beteiligung an den Hochschülerschaftswahlen als...weiter

Reinhard Göweil Die "Westliche Honigbiene" (im Titel ihre wissenschaftlich korrekte Bezeichnung) ist ein Symbol für Fleiß und die Bildung eines arbeitsamen...weiter

Reinhard Göweil Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel will einen einheitlicheren europäischen Arbeitsmarkt. Das hat zunächst recht egoistische Gründe...weiter




Werbung




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

20.5.2013: Ein tibetischer Mönch hält ein Schild neben einem Plakat, das Gedhun Choekyi Nyima, den elften Penchen Lama zeigt, der vom Dalai Lama anerkannt wird. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung