• vom 11.09.2014, 18:04 Uhr

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Die Tragödie Palästinas




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Von Kathrin Bachleitner

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  • Sein Status als "Heiliges Land" ist dem umstrittenen Gebiet im Nahen Osten zum Verhängnis geworden.

Kathrin Bachleitner studiert an der Universität Oxford und arbeitet in Ramallah gemeinsam mit der Palästinensischen Autonomiebehörde am Aufbau von demokratischen Institutionen.

Kathrin Bachleitner studiert an der Universität Oxford und arbeitet in Ramallah gemeinsam mit der Palästinensischen Autonomiebehörde am Aufbau von demokratischen Institutionen. Kathrin Bachleitner studiert an der Universität Oxford und arbeitet in Ramallah gemeinsam mit der Palästinensischen Autonomiebehörde am Aufbau von demokratischen Institutionen.

Frieden, der selbstverständliche Ist-Zustand der jüngeren Generation Europas, bleibt in Nahost auch im 21. Jahrhundert bloß ein naiver Wunschtraum. Schließlich liegt hier ja laut drei heiligen Schriften das Kernstück der Sehnsüchte der Menschheit: das sogenannte "Heilige Land". Und eben diese "Heiligkeit" besiegelt bis heute das Schicksal der Palästinenser.

Schon früh wurde Palästina zum Ziel von Reisenden und Pilgern, die ihre Sehnsüchte auf dieses Stück Erde projizierten. In den seit Jahrhunderten überlieferten Reisetagebüchern finden sich zwar immer Bestätigungen der eigenen religiösen Gesinnungen des Autors, eine Beschreibung der Realitäten oder gar der Bewohner jedoch nie. Ein Land, nicht anders als andere, vielleicht in Wirklichkeit noch etwas karger und abweisender, wird somit beflügelt mit den Fantasien der Gläubigen. Die biblischen Beschreibungen ersetzen den Blick auf die Realität. Damit beginnt Palästinas eigentliche Tragödie: mit seiner Heiligsprechung.

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Die Tragödie gipfelt in wiederkehrenden Kriegen, wird jedoch auch in Friedenszeiten fortgesetzt. Seit Jahrzehnten besiedeln Menschen aus dem Westen das Westjordanland, das sie nach den biblischen Namen Judäa und Samaria benennen. Diese Siedler sind oftmals Amerikaner, Kanadier oder Franzosen, zugewanderte Juden, die sich dort wie die Pioniere im Wilden Westen auf einem Land Siedlungen bauen, von dem sie behaupten, es wäre leer gewesen. Für diese Siedler legt Israel eigene Straßen durch palästinensisches Gebiet an, schneidet palästinensische Dörfer voneinander ab und ändert den Verlauf der Grenzmauer. Tag für Tag breiten sich diese Siedlungen über das Westjordanland immer mehr aus, zerstückeln ein Land, das die Grundlage für einen zukünftigen palästinensischen Staat bilden sollte, und bedrohen den Friedensprozess im Nahen Osten und in der Welt. Palästina existiert somit weiterhin bloß in der westlichen, biblischen Einbildung. Die Bibel ist sozusagen die moderne Landkarte dieser Siedler. Die Palästinenser und die Realität des 21. Jahrhunderts sind bloß schwarze Flecken auf dieser Landkarte.

Jetzt, wo nach dem jüngste Krieg im "Heiligen Land" wieder die Waffen ruhen, sollten sich die westlichen Friedensvermittler noch einmal die Ursache der Eskalation ins Gedächtnis rufen: die Entführung und Ermordung von drei jungen Siedlern in der Westbank. Der Siedlungsbau muss gestoppt werden, wenn die EU und die USA es ernst meinen mit ihren Friedensvermittlungen. Der Westen muss endlich aufwachen aus der Ohnmacht der drei Weltreligionen und die Realität sehen: Das Land braucht Frieden, nicht Heiligkeit. Anstatt mit der Bibel in der Hand die Orte zu begehen, die vor 2000 Jahren wichtig waren, sollten heutige Besucher der Region auf "Sarha" gehen. "Sarha" ist die traditionelle, palästinensische Art, seine Gedanken freizumachen. Jemand, der auf "Sarha" geht, wandert ohne Ziel, ohne Zeitbegrenzung dorthin, wo die Seele ihn trägt. Eine Beschäftigung, die überall auf der Welt ausgeübt werden kann; nur im "Heiligen Land" nicht: Dort behindern militärische Besatzung, Grenzposten und Siedlungen alltäglich das, was "Sarha" im Kern ausmacht: Freiheit.




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Dokument erstellt am 2014-09-11 18:08:05



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