• vom 01.01.2016, 15:17 Uhr

Gastkommentare

Update: 01.01.2016, 15:23 Uhr

Gastkommentar

Gastkommentar von Tahir Chaudhry Wir backen uns unsere Terroristen selbst




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    Seit den Anschlägen von Paris ist nichts mehr, wie es einmal war. Ganz offiziell führen europäische Staaten jetzt sogar einen "Krieg" gegen den IS-Terror. Die Terroristen bekommen also den langersehnten Endzeitkampf und auch die von ihnen gewünschte Spaltung europäischer Gesellschaften kommt voran.

    Denn all denjenigen, die in Zeiten der Flüchtlingskrise anti-muslimische Ressentiments schüren wollten, wurde abermals eine Steilvorlage geboten. Jetzt machen sie rechtsextreme Ideologien salonfähig. "Wo sind denn die anständigen Muslime?!", wird wieder geklagt. Es spricht das wiedererwachte Unbehagen nach den jüngsten Anschlägen. Wieder ist eine ganze Religion in Verruf geraten. Es sind flüchtige Blicke auf Bilder in den Medien und die von ihnen ausgehende Macht, die jegliche Fortschritte bei der Integration von Muslimen in unseren Köpfen verdrängen.



    Lässt man die Entstehung des Terrorismus durch die Fehler westlicher Außenpolitik beiseite, beginnt der Teufelskreis in der Regel mit einem Anschlag, der im Namen des Islam verübt wird. Rechte Scharfmacher fühlen sich sofort bestätigt, dass der Islam eine gewalttätige Religion sei, und machen Anti-Islam-Propaganda in europäischen Gesellschaften salonfähig. Daraufhin macht sich eine Bedrohungswahrnehmung und Islamfeindlichkeit breit. Muslime schweigen, denn der weitaus größte Teil der etwa vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime erkennt in den mörderischen Akten ihre eigene Religion nicht wieder.

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    Muslime ausgrenzen
    heißt Radikale schaffen

    Dennoch bleibt der Generalverdacht nicht aus. Die verletzende Wirkung der Verdächtigung potenziert sich durch das immer wiederkehrende Gefühl, in westlichen Gesellschaften für immer als Fremdkörper zu gelten. Sie beginnen zu spüren, wie Ängste und Vorurteile die Menschen in ihrem Wirkungskreis beeinflussen. Es folgt der eilige Versuch, sich öffentlich zu distanzieren. Er scheitert jedoch, weil man ihnen vorwirft, zu beschwichtigen und das Gefährliche in ihrer Religion nicht zu sehen.

    Ohnmacht führt zu Frustration und zum Wunsch, sich nicht mehr dauernd für die eigene Religion rechtfertigen zu müssen. Besonders die Identitätskrisen muslimischer Jugendliche werden dadurch verstärkt, sie flüchten in eine "negative Identität". Integration? Fehlanzeige! Sofort hallt es: "Eure Kultur passt hier nicht her! Ihr seid nicht integrationsfähig!". Den Extremisten gelingt es hiermit, den Graben zwischen dem Westen und der islamischen Welt zu vertiefen. Sie sind erfolgreich, da sie es fertigbringen, der Gesellschaft einzureden: "Hasst den Islam!" Muslime sollen spüren, dass sie und ihre Religion auf keinen Fall akzeptiert werden.

    Radikalislamistische Hassprediger gehen schließlich auf die Suche nach verletzten, verunsicherten und verrohten Menschen, geben ihnen eine Identität und verleihen ihnen neuen Lebenssinn. Sie stellen die alles entscheidende Frage: "Siehst du nicht, wie die Ungläubigen in aller Welt Krieg gegen die Muslime führen?" Die Antwort scheint offensichtlich. Somit erhält ihre Sucht nach Macht, Reichtum und Anerkennung den religiösen Überbau. Es folgt ein weiterer Terrorakt.

    Militante Islamisten
    sind nicht tief religiös

    Theoretisch kann sich jeder als Muslim bezeichnen, der als Muslim wahrgenommen werden will. Um die Fälschung zu erkennen, bedarf es zumindest einer Auseinandersetzung mit dem theoretischen Islam. Der persönliche Kontakt zu Muslimen führt dann häufig zu der Erkenntnis, dass der Kampf gegen den Extremismus ein gemeinsamer ist. Allerdings wird in säkularisierten Gesellschaften angenommen, dass je religiöser ein Mensch ist, desto gefährlicher sei er für die Allgemeinheit.

    Der britische Journalist und Medienhistoriker Mehdi Hasan hat unlängst herausgearbeitet, dass es den an Attentaten beteiligten Islamisten nicht nur an religiösem Wissen mangelte, sondern dass sie sogar ein zutiefst unislamisches Leben führten. Entstanden ist dabei eine Liste von Fallbeispielen, die diese These bestätigen.

    Laut neueren Erkenntnissen kann sich die Terrorgruppe von Paris gleich mit einreihen. Darunter ist auch Ibrahim Abdeslam (31), der sich außerhalb des Café Comptoir Voltaire in Paris in die Luft sprengte. Das Leben des gelernten Elektrikers bestand laut seiner Ex-Frau aus Kiffen und Schlafen. Trotz Diplom fand Abdeslam keinen Job. In den zwei Jahren, die sie zusammenlebten, habe er bloß einen einzigen Tag gearbeitet. Abdelhamid Abaaoud (28), der als Drahtzieher der Pariser Anschläge gilt, soll seiner Schwester zufolge für kurze Zeit eine katholische Schule besucht haben, bevor er sie verließ oder suspendiert wurde und ein kriminelles Leben mit Drogenmissbrauch begann.

    Muslime sind Verbündete
    im Anti-Terror-Kampf

    Das Vorurteil, dass militante Islamisten tief religiöse Menschen seien, hat besonders Abaaoud innerhalb von nur wenigen Stunden nach seinem Attentat noch einmal widerlegt. Gemäß Augenzeugenberichten wurde der Attentäter dabei beobachtet, wie er außerhalb seiner Wohnung eine Flasche Whiskey trank, die er sogar seinem Nachbarn anbot. Diese Erkenntnisse zeigen umso mehr, dass Extremismus kein religiöses und schon gar ein muslimisches Problem ist.

    weiterlesen auf Seite 2 von 2




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-01-01 15:20:06
    Letzte ─nderung am 2016-01-01 15:23:04



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