• vom 13.01.2016, 16:27 Uhr

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Update: 13.01.2016, 17:39 Uhr

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Wer aufmuckt, fliegt




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Von Wilhelm Lilge

  • Über Doping und Korruption im Spitzensport.

Sport ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Besonders im Spitzensport geht es aber auch um viel Geld und er ist eine attraktive Plattform für Menschen, die mediales Licht und Macht suchen. Die Huldigungen gegenüber führenden Sportfunktionären, von denen man entsprechende Gegenleistungen erwartet, sind andernorts gerade noch von Diktatoren Zentralafrikas bekannt.

Dass die Vergabe von Sportereignissen von illegalen Geldflüssen begleitet wird, ist weithin akzeptiert. Das Vertuschen von Dopingtests als innovatives Geschäftsmodell überrascht in dieser Dimension doch etwas. Zum Korrumpieren gehören aber immer zwei: Der 82-jährige senegalesische Ex-IAAF-Präsident Lamine Diack scheint hier mit den russischen Institutionen und der Politik sehr kooperative Partner gefunden zu haben.

Information

Wilhelm Lilge ist hauptberuflicher Leichtathletiktrainer, Buchautor und engagierter Dopinggegner. Zuletzt wurde er zu Österreichs "Sportler mit Herz" des Jahres 2015 gewählt für die Organisation der Benefizaktion "Laufen für Kira" zugunsten der verunglückten Stabhochspringerin Kira Grünberg.

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Doping im Spitzensport ist Wirtschaftskriminalität, Doping im Hobbysport eher Dummheit und Medikamentenmissbrauch. In keinem anderen Lebensbereich kann derart viel - auch öffentliches - Geld zu Unrecht erwirtschaftet werden und ist dabei mit vergleichsweise lächerlichen Sanktionen gekoppelt. Es ist so, wie wenn ein erwischter notorischer Autodieb vom ÖAMTC dazu verdonnert wird, dass er zwei Jahre lang keine Autos stehlen darf und dafür Trost und Hilfe aus der Politik bekommt.

Österreich ist nun in der Dopingbekämpfung in der beschämenden 2.Liga in Europa. Nach Frankreich und Italien hat Deutschland soeben ein Gesetz verabschiedet, wonach Doping im Spitzensport als Strafrecht-Tatbestand festgemacht wird. Das sichert einerseits effizientere Fahndungsmethoden und eine abschreckende Wirkung, auch für die "Hintermänner", andererseits bekommt der Doper ein faires Verfahren. Österreich sollte mit dem erhobenen Zeigefinger vorsichtig sein. Dopingskandale der Vergangenheit zeigten die unheilvolle Verflechtung von Sport und Politik. Beim nie ganz aufgeklärten Humanplasma-Skandal wurde nur wegen einer möglichen Steuerhinterziehung ermittelt, obwohl der Auftrag zum Dopen "aus Kreisen der österreichischen Regierung" kam. Auch andere Fälle scheinen Regierungsmitglieder beeinflusst zu haben.

Die offensichtlich systemimmanente "Freunderlwirtschaft" samt Nepotismus ist ein Synonym für "Korruption light". Die Verbände und Institutionen, die es in der Hand haben eine Sportlerkarriere zu fördern oder zu zerstören, sind vor diesen Versuchungen offensichtlich nicht gefeit. Dabei gilt: Wer aufmuckt, fliegt. Österreich ist reich an Sportskandalen. Als Highlight dürfen die Millionen-Unterschlagungen des Ex-ÖOC-Generals Heinz Jungwirth gelten, der mit den für den Sport vorgesehen Mitteln unter anderem die Bodenheizung seines Reitstalls finanzierte. Andere kamen ungeschoren davon. Verbandspräsidenten und führende Funktionäre werden auch heute noch oft auf Vorschlag von Ministersekretären ("Nehmt den, da wird das Geld lockerer fließen") bestellt, und fachliche Kompetenz spielt keinerlei Rolle. Es steht viel auf dem Spiel, der Sport braucht zum Beispiel die vielen engagierten "kleinen" Ehrenamtlichen, die zunehmend frustriert sind. Der Sport hat eine gesellschaftliche Sonderrolle, und das sollte auch so bleiben. Deshalb sind international und national weitreichende Reformen notwendig.




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Gastkommentar, Doping

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Dokument erstellt am 2016-01-13 16:32:04
Letzte ─nderung am 2016-01-13 17:39:52



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