• vom 04.02.2016, 15:35 Uhr

Gastkommentare


Gastkommentar

Nichts hält das Elektroauto auf




  • Artikel
  • Kommentare (68)
  • Lesenswert (152)
  • Drucken
  • Leserbrief








    Es sind schon andere große und einflussreiche europäische Industrien gänzlich untergegangen: Kohle, Unterhaltungselektronik, Computer, Foto, Film. Als Nächste wird Europas Autoindustrie samt Zulieferern, der Kette von Dienstleistungsbetrieben (Werkstätten) und der zugehörigen Mineralölwirtschaft mit dem nicht mehr aufzuhaltenden und sehr raschen Übergang auf Elektroautos auf einen Bruchteil schrumpfen. Angesichts deren heutiger Bedeutung wird das Umwälzungen in allen betroffenen Ländern hervorrufen: Werksschließungen und Massenentlassungen können nur abgemildert werden, wenn maßgebende Politiker und Wirtschaftslenker sich noch rechtzeitig der Lage bewusst werden und mit Nachdruck die Überlebensregel befolgen, dass man sich an die Spitze einer Bewegung setzen muss, die man nicht aufhalten kann - konsequent gegen alle Widerstände.

    Die E-Autos aus China, Korea, Japan und den USA setzen sich durch, die Europäer können den Vorspung nie mehr aufholen und sind vor allem bei den Schlüsselbauteilen wie den Akkus total abhängig; es wird ihr wie der deutschen Solarindustrie gehen, man wird in Europa Zölle auf E-Autos einführen müssen.

    Werbung

    Überwältigende Vorteile der E-Autos gegenüber Verbrennern
    Die Vorteile von E-Autos sind in jeder Beziehung überwältigend, für ihre Halter wie für die Volkswirtschaften. Aus technischer Sicht hätte man sie schon vor Jahrzehnten haben können, denn ihre Einführung hängt nur von der Verfügbarkeit leistungsfähiger Akkus ab; die gab es schon vor 20 Jahren, damit fuhr man 400 Kilometer weit, aber diese Forschungen wurden wieder gestoppt. Alle anderen wesentlichen Teile wie den Motor gab es teils schon im 19. Jahrhundert, wie diverse Schienenfahrzeuge belegen. Allein für die Ölindustrie, deren Umsatz zu 60 bis 65 Prozent vom Verkehr abhängt, und die ebenso einflussreiche Autoindustrie sind E-Autos eine Horrorvorstellung. Denn die maßgebenden Personen in der Autoindustrie sind Experten für Verbrennungsmotoren.



    Warum überlegen? Ein E-Auto braucht neben Karosserie, Lenkung, Rädern und Inneneinrichtung nur ein bis vier Elektromotoren, eine auswechselbare Elektronikbaugruppe zum Betrieb, einen austauschbaren Akku und eine mechanische Feststellbremse; dazu eine elektrische Heizung/Klimaanlage. Eine Wartung ist nicht erforderlich, die Motoren haben keine Verschleißteile und halten länger als die Karosserie, die Elektronik wird als Baugruppe mit einem Griff ersetzt, der Akku ist je nach Technologie und Beanspruchung nach einigen Jahren zu tauschen und neben den Reifen das einzige Verschleißteil. Alle für einen Verbrennungsmotor erforderlichen teuren Zusatzaggregate und Bauteile fehlen; Getriebe, Kupplung, Differential, hydraulische Bremsanlage, Vergaser, Einspritzpumpen, Kühler, Auspuffanlage, Öl-, Luft- und Kraftstofffilter - die Liste ist ellenlang und erschreckend, denn es wird auch die Fabriken nicht mehr geben, die diese Teile heute herstellen. Was nicht vorhanden ist, muss weder gewartet noch repariert oder gar ersetzt werden und verschleißt nicht. Die Zuverlässigkeit eines E-Autos ist allein deswegen unvergleichlich höher als die jedes Verbrenners. Macht man sich dies einmal mit aller Deutlichkeit und ohne Scheuklappen klar, begreift man, was mit der Wucht einer Dampfwalze auf Europas Auto- und Zulieferindustrie, Dienstleistungsbetriebe, aber auch verantwortliche Politiker und Wirtschaftslenker zukommt:

    1. Der Kaufpreis von E-Autos wird erheblich niedriger sein als bei Verbrennern, vielleicht die Hälfte oder zwei Drittel wegen der Fixkosten. Die heutigen Preise beruhen darauf, dass der Akku etwa 40 Prozent der Wertschöpfung eines E-Autos ausmacht, und die Akkuhersteller in Ostasien sind natürlich nicht an niedrigen Preisen und damit billigen E-Autos der Konkurrenz interessiert. In den USA und Ostasien sind neue, billigere Akkus mit teils zehnfacher Kapazität und langer Lebensdauer in der Entwicklung. Hier beginnt, nach 20 Jahren, auch wieder die Arbeit daran. Es dauert halt Jahre von der Entwicklung bis zur Serie, man denke nur an den Unterschied zwischen den ersten Funktelefonen und unseren heutigen Smartphones.

    2. Neben den Reifen bestehen die Unterhaltskosten nur aus den auf die Laufleistung umgelegten Kosten für den Akkutausch.

    3. Die Lebensdauer von E-Autos ist mindestens doppelt so hoch wie jene von Verbrennern - gut für die Besitzer, schlecht für die jährlichen Absatzzahlen, die sich geschätzt halbieren werden.

    4. Der Wirkungsgrad von Elektromotoren ist mehr als doppelt so hoch wie bei Verbrennungsmotoren, die Energiekosten betragen somit weniger als die Hälfte. Ein E-Auto verbraucht im Stand, also an der Ampel und im Stau, keine Energie. Und etwa ein Drittel der Energie zum Beschleunigen wird beim Bremsen zurückgewonnen.

    Autobetrieb mit Inlandsstrom verbessert die Zahlungsbilanz
    Die reinen wegeabhängigen Betriebskosten (Strom) sind nicht nur erheblich niedriger, sondern die Tatsache, dass E-Autos mit im Inland erzeugtem Strom betrieben werden, ist von größter volkswirtschaftlicher Bedeutung, weil die Öleinfuhr ebenso entfällt wie die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten und Abzocken in der Urlaubszeit. Die Zahlungsbilanz wird entscheidend verbessert, bei wetterbedingtem Stromüberangebot kann der Strompreis (eventuell auf null) gesenkt werden. Deutschland hat schon Strom an Nachbarländer nicht nur verschenkt, sondern es gab Zeiten, da musste man sogar draufzahlen, um Strom liefern zu dürfen.

    weiterlesen auf Seite 2 von 2




    68 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
    Dokument erstellt am 2016-02-04 15:41:08



    Werbung



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Grasser, kein Opfer
    2. Entweder - oder
    3. FPÖ = Rückseite des Mondes
    4. Wenn höchste Richter irren
    5. Erdogans falsches Kalkül
    Meistkommentiert
    1. Wenn höchste Richter irren
    2. FPÖ = Rückseite des Mondes
    3. Die Antwort auf den Hass
    4. Coup d’état am Bosporus
    5. Erdogans falsches Kalkül