• vom 16.02.2016, 16:25 Uhr

Gastkommentare

Update: 18.02.2016, 12:53 Uhr

Gastkommentar

Ein bildungspolitisches Desaster




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    Wieder einmal sind Pisa-Ergebnisse veröffentlicht worden - und wieder lässt sich der Schluß ziehen, dass jedem fünften Pflichtschulabgänger in Österreich die Fertigkeiten des Lesens oder Rechnens oder Grundkenntnisse der Naturwissenschaften fehlen und jeder zehnte allen drei Anforderungen nicht entspricht. Anforderungen, deren Erfüllung die Voraussetzung für die Ausübung auch wenig qualifizierter Berufstätigkeiten darstellt. Auch wenn man an der Pisa-Methode Kritik anbringen kann, wird der grundsätzliche Befund durch die Klagen der Wirtschaft über drastische Ausbildungsmängel der Pflichtschulabgänger voll bestätigt.

    Mehr als einen kurzen medialen Aufreger ist jedoch die ungeheuerliche Tatsache, dass das österreichische Schulsystem jedes Jahr in der Kohorte der 15- bis 16-jährigen Schulabgänger 20 Prozent potenzielle Berufsunfähige produziert, nicht wert. Die Bildungsministerin verweist auf die anstehende Bildungsreform, das Arbeitsmarktservice auf Nachqualifikation im Rahmen seiner Ausbildungsprogramme. Da ist doch mit dem im internationalen Vergleich teuren österreichischen Bildungssystem etwas faul, wenn Grundfertigkeiten wie Lesen und Rechnen in einem dritten Anlauf vom AMS vermittelt werden müssen!


    Häretische Fragen zum Blidungssystem
    Für einen Außenstehenden stellen sich da einige, möglicherweise naive, jedenfalls häretische Fragen: Wieso lernen Kinder heute in der Volksschule nicht mehr sinnerfassendes Lesen, früher eine Selbstverständlichkeit selbst in ein- oder zweiklassigen Dorfvolksschulen? Wieso spiegeln sich diese Defizite nicht systematisch in den Zeugnissen der Volksschulabgänger wider? Wieso können die Lese- und Rechendefizite in vier weiteren Jahren Hauptschule oder Neue Mittelschule nicht beseitigt werden?

    Oder ist an den Gerüchten etwas dran, dass Lehrkräfte unter dem doppelten Druck von oben und von den Eltern stehen, Zeugnisse zu schönen? Hat vielleicht eine übertriebene Wohlfühlpädagogik den Leistungsaspekt zu sehr überlagert? Behindert vor allem in städtischen Hauptschulen der Verzicht auf die Durchsetzung einer altmodischen "Disziplin" den Lernfortschritt und schafft demotivierte Lehrkräfte?

    Ein Verbrechen gegenüber den betroffenen Jugendlichen
    Was immer die Ursache des Desasters ist, es ist ein Verbrechen gegenüber den etwa 10.000 betroffenen Jugendlichen, die nicht in der Lage sein werden, sich in einer modernen Gesellschaft entsprechend zurechtzufinden und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Es ist aber auch eine schwere gesamtwirtschaftliche Hypothek. Jugendliche, die nicht einmal der fundamentalen Kulturtechniken des Lesens und Rechnens fähig sind, stellen die vom Staat zu versorgenden Arbeitslosen von morgen dar. Das bedeutet Kosten zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Person, und zwar jedes Jahr.

    Übrigens hier noch eine Aufgabenstellung für den nächsten Pisa-Test: Wie viele Einzel- oder Kleingruppenförderstunden zur rechtzeitigen Ausmerzung der festgestellten Defizite könnte man mit 10.000 Euro finanzieren, wenn eine Förderstunde 25 Euro kostet?

    Zum Autor

    Erhard Fürst

    war Leiter der Abteilung Industrie- und Wirtschaftspolitik in der Industriellenvereinigung.




    Schlagwörter

    Gastkommentar, Bildung, Schule

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-02-16 16:29:08
    Letzte Änderung am 2016-02-18 12:53:05



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