• vom 23.02.2016, 15:45 Uhr

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Update: 23.02.2016, 15:56 Uhr

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Das Gymnasium - eine Schmiede für Kritiker von Herrschaftssystemen




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    Gesamtschulbefürworter (alle männlichen Formen beziehen sich auf beide Geschlechter) kommen immer wieder mit Klassenkampfargumenten: "Wie kommt die Allgemeinheit dazu, die Unterstufe der Gymnasien zu finanzieren, bloß weil elitebewusste Eltern ein billiges Schulsystem haben wollen?"



    Das Gymnasium ist jedoch nicht "eine Kaderschmiede für Privilegierte", sondern war und ist bis heute eine Schmiede für Kritiker von Herrschaftssystemen: Philipp Melanchthon, ein Freund Martin Luthers, gründete in den 1520er Jahren Humanistische Gymnasien in Magdeburg, Eisleben und Nürnberg gegen die Übermacht der Katholischen Kirche und ihren Ablasshandel, Wilhelm von Humboldt errichtete 1812 Gymnasien in Preußen gegen den Absolutismus. In Österreich hatten die im Geist der Revolution von 1848 gegen die Privilegien des Adels 1849 gegründeten Gymnasien das Ziel, kritische Bürger zu erziehen.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Gymnasien keineswegs den "Eliten" vorbehalten. In dieser Zeit Unterrichtende haben zwei Erfahrungen gemacht: Erstens kamen langsam, aber stetig immer mehr "Unterprivilegierte" ins Gymnasium, wenn nicht ideologisch fixierte Volksschullehrer davon abrieten (was bis in die 1950er vorkam). Zweitens scheiterten Kinder der nach sozialem Aufstieg strebenden Immigranten, die mit ihren formenreichen beziehungsweise andersartigen Muttersprachen in Fremdsprachen oft weniger Probleme hatten als manche "von uns", nicht öfter als die der "Privilegierten", die dann ihre verwöhnten Sprösslinge in teure Privat- oder Alternativschulen schickten.

    Gesamtschule garantiert
    nicht soziale Gerechtigkeit

    Damit soll nicht gesagt sein, dass die Gymnasien schon sozial "neutrale" Schulen sind, aber sie sind auf gutem Weg dorthin. Andererseits garantieren auch Gesamtschulen nicht soziale Gerechtigkeit, sondern können dort, wo sich Eltern das Ausweichen leisten können, sogar das Gegenteil bewirken, wie zum Beispiel Stefan Hopmann, Professor für Bildungswissenschaft an der Universität Wien, festgestellt hat. Auch die von Gesamtschulbefürwortern geforderten "Modellregionen" werden das nicht verhindern können.

    Der grüne Bildungssprecher Harald Walser, der früher Direktor eines Gymnasiums war, hält das Gymnasium für nicht mehr zeitgemäß, weil "ein Viertel von Österreichs Schülern Migrationshintergrund hat". Will er diesen die solide Vorbereitung auf ein Universitätsstudium vorenthalten? In einer nicht differenzierenden Gesamtschule wird das kaum möglich sein. In England und den USA ist daher die Flucht aus den Comprehensive beziehungsweise High Schools bereits selbstverständlich und damit deren soziale Intention ins Gegenteil verkehrt. Auch in Frankreich wird die Sinnhaftigkeit des Collège diskutiert.

    Die kommunistischen Staaten Osteuropas waren natürlich ideologisch auf die Gesamtschule fixiert und hatten nach der Wende andere Probleme. In Brno/Brünn (um nur dieses mir bekannte Beispiel zu nennen) wurde ein Gymnasium eröffnet, konnte aber von 180 Bewerbern nur 80 aufnehmen.

    Spezielle Fördergruppen in finnischen Gesamtschulen

    Das so oft zitierte Finnland hat keine Gesamtschule in unserem Sinn. Schon vor der Schule werden dort Kinder sonderpädagogisch betreut und während der Schulzeit 30 Prozent eines Jahrgangs: jene mit geringen Defiziten mit Förderstunden in getrennten (!) Kleingruppen, jene mit schwereren in eigenen Klassen. Sonderpädagogen sind dort angesehene und gut bezahlte Spezialisten, während bei uns diese Ausbildung abgeschafft und auf ein "Modul" für alle "Einheitslehrer" reduziert wird. In Wien muss jeder Schulpsychologe etwa zwei AHS betreuen, während sich die skandinavischen Länder mehrere Psychologen pro Schule leisten.

    Dass dort trotzdem die Jugendarbeitslosigkeit höher ist (2015: Österreich 10,9 Prozent, Schweden 18,8 Prozent, Finnland 22 Prozent) als in den Ländern mit differenzierendem Schulsystem und diese im OECD-Vergleich der Bildungseffizienz vorne liegen, wird verschwiegen. Auch unser duales System mit Lehre und Berufsschule, das international anerkannt ist, und die Qualität unserer Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) verhindern Jugendarbeitslosigkeit. Verschwiegen wird auch, dass Studenten aus Ländern mit differenzierenden Systemen Universitätslehrern als die geeigneteren bekannt sind.

    Viele Hauptschullehrer beklagen die Abschaffung der Leistungsgruppen, und viele der teuren Zweitlehrer der Neuen Mittelschule sagen, dass sie mit der schwächeren Gruppe in einen eigenen Raum (!) gehen beziehungsweise sich das wünschen würden. Die Ergebnisse der Neuen Mittelschule sind vielfach schlechter als die der Hauptschulen, werden aber offiziell nur punktuell bekanntgegeben, um direkte Vergleiche zu verhindern.

    Kompromissvorschlag mit Mittelschule und Gymnasium

    Differenzierung ist auch im Sport für die Leistung maßgeblich. Nicht beliebig zusammengestellte, sondern homogene Gruppen beziehungsweise Mannschaften haben Erfolg. Daher mein Kompromissvorschlag: Die Sekundarstufe soll wie früher "Mittelschule" heißen (nicht "Neue") und dieser Oberbegriff durch einen Zusatz spezifiziert werden: "Gesamtschule mit/ohne Differenzierung" (Letzteres für die Gesamtschulbefürworter) oder "Gymnasium" - dieses mit innerer Differenzierung: Ein Schüler kann etwa in Englisch in der ersten und in Mathematik in der zweiten Leistungsgruppe sein und nach jedem Semester in die erste aufsteigen.






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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-02-23 15:50:06
    Letzte nderung am 2016-02-23 15:56:22



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