• vom 04.03.2016, 14:01 Uhr

Gastkommentare

Update: 04.03.2016, 16:29 Uhr

Gastkommentar

Ökonomie der Unmenschlichkeit




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    Professor Gabriel Felbermayr vom ifo-Institut hat’s ausgerechnet: Die Flüchtlingsabwehr kostet Österreich maximal 210 Millionen Euro, also 24 Euro pro Kopf, und das ist nur etwa so viel wie die Versorgung von 10.000 Notsuchenden. Wirtschaftsminister und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner dient dies als zusätzliche Rechtfertigung der "Notwehr" (Zitat Kanzler Werner Faymann) Österreichs gegen die Notleidenden.



    Man sollte diese Effizienzüberlegungen zu Ende denken, darauf vergessen der Wirtschaftsforscher und die Politiker in ihrem Stress.

    Erstens: Die Flüchtlingsabwehr "rechnet" sich für Österreich schon ab 10.000 Abgewehrten, ökonomisch effizient wäre es daher, die Zahl der Asylanträge von 37.500 auf 10.000 zu senken.

    Zweitens: Sollte den Österreichern im Durchschnitt die Rettung eines Notleidenden vom Vegetieren an Stacheldrähten mehr wert sein als 24 Euro, stimmt die ganze Rechnung nicht.

    Drittens: Wissenschaft und Politik nehmen daher implizit an, dass den Österreichern die Rettung eines Menschen 0 Euro wert ist, schon bei 10 Euro müsste man das ja gegenrechnen.

    Viertens: Die Studie lässt offen, welche Verteilung dem angenommenen Saldo von 0 Euro pro Gerettetem zu Grunde liegt. So werden die "Bösmenschen" jedem weiteren Asylbewerber in Österreich einen negativen Nutzen zurechnen (nach ihnen sollte niemand Schutz finden, und die Aufgenommenen sind zurückzuschicken). Umgekehrt werden "Gutmenschen" der Rettung eines Notleidenden einen viel höheren Nutzen zusprechen als 24 Euro.

    Fünftens: Es braucht zusätzliche Forschung, um folgende Hypothesen zu prüfen: Hypothese A: Die Österreicher wollen im Durchschnitt Flüchtlinge nicht mehr aufnehmen (0 Euro Nutzensaldo). Hypothese B: Ökonomen und Politiker projizieren ihre eigenen Haltungen und Gefühle in die Bevölkerung. Sie orientieren sich dabei an den Positionen der meistgekauften Zeitungen. Welchen anderen Zugang hat man denn zum Empfinden des Volkes?

    Sechstens: In diesem Zusammenhang wäre auch zu prüfen, ob die Notwehr der Christ- und Sozialdemokraten gegenüber den Notleidenden nicht ihre eigene Notwehr gegenüber dem politischen Konkurrenten widerspiegelt. "Identifikation mit dem Aggressor" ist ein unbewusster Vorgang, kommt oft vor, bringt aber nix.

    Siebentens: Auch die längerfristigen Folgen für das Image der Politiker wären zu analysieren. Bilder von Müttern mit Kleinkindern am südsteirisch-slowenischen Stacheldraht ab Nummer 37.501 sind unschön. Zwar hat man das Problem - so gut es eben ging - an die griechisch-mazedonische Grenze verlagert, aber auch von dort wird berichtet. Zum Glück zeigt die Medienforschung: Die Motivation von Journalisten und die Empfindsamkeit des Publikums stumpfen ab.

    Achtens: Mehr als 50 Prozent des österreichischen BIP werden exportiert, davon ein großer Teil durch den Tourismus. Da bedarf es opportunistischen Feingefühls, denn alle wollen bedient werden, von Wladimir Putin bis zum einfachen Gast aus Deutschland. Zu viel ist aber auch nicht gut: Angela Merkel zu raten, Flüchtlinge doch direkt aus Jordanien, dem Libanon oder Griechenland einzufliegen, oder das notleidende Griechenland mit einem "Reisebüro" zu vergleichen, wo täglich tausende Menschen den Flüchtenden helfen, war vielleicht doch eines Bundeskanzlers nicht würdig.

    Neuntens: Es sollten daher auch die Kosten der Scham in Rechnung gestellt werden, die viele Österreicher über ihre Politiker empfinden.

    Zehntens: Rein ökonomisch wäre es die beste Lösung, wenn Griechenland einen Viktor-Orbán-Stacheldraht mit scharfen Messern an der Meeresoberfläche der Engstellen zwischen der Türkei und den griechischen Inseln verlegte. Die Boote würden aufgeschlitzt und rasch sinken. Pressefotografen wären nicht zur Stelle. Die Botschaft für die Wartenden in der Türkei wäre klar. Fotos von gestrandeten Kinderleichen würden nicht publiziert, "Österreich" und die "Kronen-Zeitung" würden sich daran halten. Aus Gründen der Pietät.

    It’s the economy, stupid!

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    Zum Autor
    Stephan Schulmeister
    ist Wirtschaftsforscher und Universitätslektor in Wien.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-03-04 14:05:13
    Letzte nderung am 2016-03-04 16:29:31



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