• vom 07.03.2016, 13:20 Uhr

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Flüchtlinge und Migranten - wie man mit Sprache Politik macht




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    Es war absehbar. Es war ausgesprochen. Wenn europäische Länder ihre Grenzen schließen, kann es "unschöne Szenen" (© Außenminister Sebastian Kurz) geben. Jetzt sind sie Realität. Polizisten in voller Montur haben mit Tränengasgewehren auf Schutzsuchende geschossen, die verzweifelt an Grenzzäunen rüttelten.

    Die Gewalt bricht los - und die Diktion ändert sich. Namhafte Medien und Journalisten sprechen zunehmend nicht mehr von "Flüchtlingen", sondern von "Migranten". Wer genau liest und zuhört, wird feststellen, dass es oft weiterhin "Flüchtling" heißt, wenn darüber geschrieben oder gesprochen wird, dass Menschen einer schwierigen Situation ausgeliefert sind. Wenn sie aber mit Eisenstangen Tore aushebeln, werden sie gern als "Migranten" bezeichnet.

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    Eine Kleinigkeit, könnte man meinen. Aber wie so oft steckt der Teufel im Detail. Wie so oft transportiert die Wortwahl eine ganze Weltsicht. Wie so oft liefert die verwendete Begrifflichkeit ein moralisches Urteil mit. Wie so oft legitimieren Worte Taten.

    Das Wort "Flüchtling" ruft Konnotationen von Krieg, Verfolgung und Opfer wach. Opfern widerfährt Schlimmes, ohne dass sie dafür verantwortlich wären, sie verdienen Unterstützung und Hilfe. Das Wort "Migrant" hingegen ruft Konnotationen von Masseneinwanderung aus wirtschaftlichen Gründen, Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, Bedrohung "unseres" Wohlstands wach.

    Man ändere ein Wort - und Schutzsuchende werden von der Seite der unschuldigen Opfer, die Hilfe brauchen, umgebucht auf die Seite der Täter, die eine Bedrohung darstellen, gegen die man sich wehren darf, ja muss.

    Mit den benutzten Begriffen "Flüchtling" und "Migrant" wird angeknüpft an das Spiel mit der Opfer-Täter-Dynamik. Es ist ein Spiel mit der Schuld. Es ist ein moralisches Spiel. Denn die moralische Vernunft verteilt zwischen Tätern und Opfern Schuld und Unschuld.

    Schutzsuchende als Täter
    Begonnen hat die Opfer-Täter-Umkehr in Österreich mit der Rede von der Überforderung: "Wir können nicht mehr" ist zum geflügelten Wort geworden. "Wir können diese Last nicht mehr schultern. Die Grenze des Zumutbaren ist erreicht. Mehr ist nicht möglich. Und niemand ist verpflichtet, Unmögliches zu leisten."

    Österreichs politische Klasse hat sich selbst, das Land und die Bevölkerung als Opfer der Fluchtbewegung inszeniert. Der nächste Schritt ist dann, Flüchtlinge als Täter zu inszenieren. Aus "Flüchtlingen" werden im öffentlichen Diskurs "Migranten" - ein Spiel mit Worten, das mithilft, den Einsatz von Gewalt gegen Menschen an Europas Grenzen zu legitimieren.

    Zur Autorin

    Maria Moser

    ist wissenschaftliche Referentin des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie; ihre Dissertation über Opfer-Begriff aus feministisch-ethischer Perspektive wurde mit dem Gabriele-Possanner-Förderungspreis ausgezeichnet.




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    Dokument erstellt am 2016-03-07 13:26:10



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