• vom 12.04.2016, 13:58 Uhr

Gastkommentare

Update: 13.04.2016, 16:39 Uhr

Gastkommentar

Danke, mein Präsident!




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Von Pavel Kohout


    - © Creative Commons - Filip Vostrý

    © Creative Commons - Filip Vostrý

    Die Ausweisung durch Gustáv Husáks Regime 1979 nach Österreich und meine Rückkehr nach Tschechien dank der Samtenen Revolution im November 1989 haben mir zwei Staatsbürgerschaften und zwei Staatspräsidenten geschenkt. Mein jetziger aus Wien, der nun nach Prag kam, um sich von unserem Präsidenten zu verabschieden, hielt früher lange Jahre den Vorsitz im österreichischen Parlament. Nach Bruno Kreisky war es Heinz Fischer, der den ins Exil verbannten Unterzeichnern der "Charta 77" höchste Aufmerksamkeit schenkte.

    Es war der Pressesprecher des damaligen Parlamentspräsidenten, Bruno Aigner, der ihn bis heute treu begleitet, der im Namen Fischers vielen ins Exil vertriebenen Tschechen half, die Hürden der österreichischen Bürokratie zu überwinden. Die aber zugegebenermaßen zum fast vollkommenen Funktionieren des Staates beigetragen hat.

    Dutzende Männer und Frauen danken ihm beispielsweise dafür, dass er sie dem passenden Amt empfohlen hat, welches sie deshalb nicht langwierig prüfen musste. Auf Fischers Anweisung hat er zum Beispiel mich und meinen Sohn Ondrej auf einen Besuch des größten kommunistischen Ideologen Vasil Bilak aus Prag im Parlament hingewiesen und uns gemeinsam mit Berichterstatterteams des ORF im richtigen Augenblick eingeladen. Der Funktionär, der zum ersten Mal in einem demokratischen Land war, musste erleben, dass ihn zwei Tschechen vor laufenden Kameras fragten, wie denn die Tschechoslowakei die Beschlüsse des Helsinki-Dokumentes erfülle, wenn Ondrejs Mutter, von mir lange geschieden, ihren Sohn und ihren Enkel in Wien nicht besuchen durfte. Nach zwei Wochen kam sie . . .

    Präsident Fischer konnte Österreichs Gesellschaft einen

    Obwohl mich Österreich integriert hat, bin ich nicht in das politische Leben eingetreten, da ich ständig jenes in meiner Heimat verfolgt habe. Die einzige Ausnahme war Fischers Bundespräsidentschaftswahlkampf, in dem ich ihn öffentlich unterstützt habe. Ich habe damals richtig prophezeit, dass, falls er gewählt wird, Österreich gleich für zwölf Jahre versorgt sein werde. Dank seines Verstandes, seiner Herzlichkeit und seines Taktgefühls ist ihm endlich gelungen, die durch Kurt Waldheims nazistische Vergangenheit gespaltene Gesellschaft zu einen, was ältere Wähler gegen seine Kritiker mobilisiert hat.

    Oft traf ich Fischer zufällig im Stadtzentrum alleine und auch mit seiner Frau auf dem Weg zum Mittagessen oder beim Einkaufen, mit einzelnen Bodyguards, die einen derart großen Abstand einhielten, dass es schien, als ob sie unsichtbar wären. Das zeugte von seiner Beziehung zu den Bürgern und von der Beziehung der Bürger zu ihm - sie grüßten ihn, aber belästigten ihn nicht . . .

    Er gewann mich auch dadurch, dass er auf jeden meiner Briefe geantwortet hat; vor allem aber deshalb, weil wir eine Beziehungskrise überstanden haben: Es war, als ich noch dem Prager Theaterfestival des deutschen Theaters gedient habe und ihn bat, zur historischen Vorstellung des Burgtheaters nach Prag zu kommen, da im Zlatá Kaplicka zum ersten Mal seit 123 Jahren in deutscher Sprache gespielt wurde. Er ließ mir ausrichten, dass er in einer der spärlichen Pausen ein Privatprogramm habe. Ich richtete ihm aus, dass Kaiser Franz Josef das Theater höchstpersönlich aus eigener Tasche subventioniert hatte, und er sollte dort lediglich an seiner Stelle anwesend sein und eine Ansprache halten. Verstimmt richtete er mir aus, dass ich anscheinend besser wüsste, wo er zu sein habe. Doch er kam, erduldete, dass ich für ihn übersetzte, war aber so sauer, dass er mit mir kein Wort sprach - bis wir uns vor Weihnachten in Wien wieder umarmten.

    Über den roten Teppich
    zum Präsidenten

    Zum abendlichen Treffen meines Präsidenten mit unserem Präsidenten auf dem Prager Hradschin hat mich der Protokollchef, bekannt als Chaot, nicht eingeladen. So bin ich früher aufgestanden und vor 10 Uhr nach Pardubice gekommen, wo ich in einen besonderen Railjet-Wagon nach Prag umgestiegen bin. Für meinen Einlass sorgte gemeinsam mit meinem langjährigen Verbündeten Bruno Aigner unser Mann in Wien, Botschafter Jan Sechter.

    Dem staunenden Präsidenten eröffnete ich, dass ich mich vor ihm verneigen möchte für all das, was er für uns Österreicher und uns Tschechen getan hat. Nicht wenig staunte der Protokollchef, als ich, ob ich wollte oder nicht - denn anderswo ging es nicht - über den roten Teppich bis zu ihm schritt. In dieser kuriosen Situation behauptete er, dass er mich leider telefonisch nicht erreicht habe. Auf dem Anrufbeantworter zu Hause fand ich keine Nachricht.

    Heinz Fischer ist wieder zurück in Wien, und am 8. Juni - nach der Wahl seines Nachfolgers oder seiner Nachfolgerin - wird er vermutlich so bald wie möglich seinen Bergsteigerhelm aufsetzen und an Seite seiner Ehefrau - sein ganzes Leben durch sie gesichert - wieder die Wände der überwältigenden österreichischen Berge hinaufsteigen. Seine schwierigste Wand im Präsidentenpalast hat er bravourös gemeistert. Danke, mein Präsident und Freund!

    Information

    Pavel Kohout, geboren 1928 in Prag, ist Schriftsteller und war Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. 1978 übernahm er einen Beratervertrag am Wiener Burgtheater und wurde in der Folge ausgebürgert, seit 1980 ist er österreichischer Staatsbürger. Ab 1989 konnte er wieder in Tschechien publizieren. Sein Kommentar ist auch in der tschechischen Zeitung "Mladá fronta Dnes" erschienen.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-04-12 14:02:06
    Letzte nderung am 2016-04-13 16:39:31



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