• vom 18.04.2016, 15:46 Uhr

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Update: 18.04.2016, 20:49 Uhr

Großbritannien

Die britische Monarchie - ein Staatsoberhaupt ohne Wahl




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Von Melanie Sully


    Es ist ganz und gar nicht ihr Ding: dieses ermüdende Sammeln tausender Unterschriften, Plakate auf den Straßen, Fernsehdebatten und das Ringen um Wählerstimmen. Monarchen können sich entspannt und sicher im Glauben auf ihrem Thron zurücklehnen, dass göttliches Recht über solchen weltlichen Aufgaben steht.

    190415queen - Kopie

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    Queen Elizabeth II. feiert am 21. April ihren 90. Geburtstag. Im Gegensatz zu den Royals in den Niederlanden, Spanien oder Belgien hat sie bisher nicht gewagt, das Zepter an ein jüngeres Familienmitglied weiterzureichen. Die Narben der Abdankungskrise in den 1930ern haben unauslöschliche Spuren hinterlassen. Die Abdankung von Edward VIII. aufgrund der geplanten Heirat mit einer geschiedenen US-Bürgerlichen war damals ein Skandal und löste eine Verfassungskrise aus. Familien und Freunde wurden jahrzehntelang auseinandergerissen in einem Streit für oder gegen seine Majestät.

    Trotz ihres hohen Alters hat die Königin den Thron nicht aufgegeben, aber in den vergangenen Jahren eher die Strategie ergriffen, Aufgaben zu delegieren. Jüngere Familienmitglieder haben Langstreckenflüge, Staatsbesuche und andere Verpflichtungen übernommen. Die wichtigsten Staatsangelegenheiten aber nimmt sie nach wie vor selbst wahr, und ihr Wissen und ihre Erfahrung werden von vielen Politikern geschätzt. Durch ihr unbeirrbares Pflichtbewusstsein gegenüber ihrem Land konnte sie sich selbst bei Monarchieskeptikern Respekt verschaffen. Selbst Labour-Chef Jeremy Corbyn, ein Gegner der Monarchie, sagt, dass deren Abschaffung derzeit einfach nicht auf der Tagesordnung stehe.

    Der Monarch stirbt nie

    Obwohl sich die Queen bester Gesundheit erfreut, gab und gibt es Nachfolgespekulationen. Der britische Monarch als Institution stirbt jedoch nie und geht automatisch auf den Thronfolger über. Als ihr Vater George VI. starb, war Elizabeth als Prinzessin in Kenia. Sie kehrte sofort zurück nach London als die neue Königin. Die Krönung kann Monate, sogar Jahre später stattfinden. Dann könnte man diesmal, so meinen einige Modernisten, einen Generationssprung überlegen.

    In der Umwandlung des Empire fungierte der Monarch als Symbol der Integration. Aber eine Eigenheit des Übergangs war es, den Commonwealth-Ländern ein stärkeres Mitspracherecht in Bezug auf das Staatsoberhaupt einzuräumen, als es das Londoner Parlament selbst hat. Während die Commonwealth-Länder sich dazu entscheiden könnten, eine Republik zu haben, erfordern Änderungen an der von London gewünschten Nachfolgeregelung das Einverständnis von 15 Commonwealth-Ländern, darunter etwa Kanada und Australien, aber auch Tuvalu und Papua-Neuguinea. Ein Statut aus dem Jahr 1931 besagt, dass jede Abänderung, welche die Reihenfolge der Thronfolge betrifft, einer Zustimmung der Parlamente gewisser Commonwealth-
    Mitglieder und zusätzlich jener des Parlaments des Vereinigten Königreichs bedarf.

    Die Auslegung dieser Verfassungskonvention ist unklar, aber kürzlich wurden Änderungen vorgenommen, wonach eine Tochter von Prinz William und Kate vor einem jüngeren Bruder auf den Thron folgen könnte (Ende des Erstgeburtsrechts nur für männliche Thronfolger), und die Commonwealth-Ländern wurden dabei eingebunden.

    Das rechtliche Verfahren für diese Reform war in einigen Staaten wie Kanada und Australien lang und kompliziert. Letzten Endes wurde eine große Debatte über die Rolle der Monarchie in einer modernen Demokratie per se vermieden. Eine weitere Änderung so bald könnte jedoch eine ganz andere Angelegenheit sein. In Australien gibt es bereits starke republikanische Stimmen, und erst vor kurzem haben führende Politiker ein Dokument unterzeichnet, das nach einer Republik verlangte. Auch der derzeitige Premierminister Australiens war eine bedeutende Persönlichkeit in der republikanischen Bewegung. Viele Australier kritisieren auch die Besuche jüngerer Angehöriger der königlichen Familie anlässlich der Eröffnung ihrer nationalen Zeremonien als PR-Stunts für die britische Monarchie.

    Trotzdem lehnten im Jahr 1999 die Australier in einer Volksabstimmung die Abschaffung der Queen als Staatsoberhaupt aus Mangel an Alternativen ab. Alles deutet darauf hin, dass diese Verwirrung, wie die alternative Lösung aussehen sollte, immer noch ein Hindernis darstellen würde.

    Inzwischen diskutieren Barbados und andere Karibikstaaten über künftige Schritte in Richtung einer Republik und sehen wenig Sinn in einer britischen Monarchin als Staatsoberhaupt.

    Überlebenskünstler

    Das Geheimnis des bisherigen Überlebens der britischen Monarchie liegt, abgesehen vom Mangel an Alternativen, in der Fähigkeit zur Anpassung, um ein nachhaltiges Fortbestehen zu gewährleisten. Einen wahrhaft gefährlichen Moment gab es nach dem Tod von Prinzessin Diana, als die Queen sich nur vor ihren Untertanen verbeugte und erst danach die Flagge am Buckingham Palace auf Halbmast hisste - und somit das königliche Protokoll im letzten Moment umging.

    Die britische Monarchie verzichtet bisher, im Gegensatz zu den skandinavischen Monarchien, darauf, zum Beispiel auf Radfahrten durch die Hauptstadt, um modern zu wirken. Es gab zwar eine Reform in der Geschlechterfrage der Thronnachfolge, aber für einen Katholiken ist es nach wie vor nicht möglich, König oder Königin zu werden. Denn der britische Monarch ist der oberste Gouverneur der Anglikanischen Kirche und leistet einen Eid zur Wahrung der protestantischen Religion. Dies wird von vielen als verstärkt archaisch in einem multikonfessionellen Land erachtet. Dabei steigt die Anzahl derer, die sich einer Religion nicht zugehörig empfinden, und die Anzahl der Christen nimmt ab.



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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-04-18 15:50:07
    Letzte ─nderung am 2016-04-18 20:49:58



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