• vom 19.04.2016, 18:05 Uhr

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Update: 19.04.2016, 18:19 Uhr

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Google darf nicht zum Königsmacher werden




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  • Suchmaschinen können das Wahlverhalten beeinflussen, zeigt eine Studie. Damit kommt Google eine ungeheure Macht zu. Die Algorithmen müssen daher transparent gemacht werden.

Adrian Lobe hat Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Paris und Heidelberg studiert.

Adrian Lobe hat Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Paris und Heidelberg studiert. Adrian Lobe hat Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Paris und Heidelberg studiert.

Der US-Wahlkampf läuft auf Hochtouren. Wer im November zum nächsten Präsidenten der USA gewählt wird, könnte nicht nur von den TV-Debatten abhängen, sondern auch maßgeblich von Suchmaschinen. Die US-Psychologen Robert Epstein und Ronald E. Robertson haben nämlich in einer Versuchsreihe nachgewiesen, dass diese das Wahlverhalten beeinflussen können.

In einem Laborversuch sollten 102 Probanden die Spitzenkandidaten der australischen Parlamentswahl 2010, Tony Abbott und Julia Gillard, betrachten. Zunächst wurden die Versuchsteilnehmer befragt, wen sie sympathischer fänden beziehungsweise wählen würden. Das Ergebnis war relativ ausgewogen. Dann sollten die Teilnehmer über die Kandidaten im Netz recherchieren. Dazu ließen die Wissenschafter aber nicht das "echte" Google auf den Rechnern laufen, sondern eine manipulierte Suchmaschine, die verzerrte Ergebnisse ausspuckte. Eine Versuchsgruppe bekam überproportional viele positive Suchtreffer zum konservativen Kandidaten Abbott, eine andere positive Treffer zu Gillard. Eine weitere Gruppe bekam neutrale Ergebnisse.

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Nach der Recherche wurden die Probanden erneut zu Sympathien und Wahltendenz befragt. Das Ergebnis zeigte eine statistisch signifikante Veränderung durch den von den Suchtreffern gepushten Kandidaten. Daraus folgerten Epstein und Robertson, dass Suchmaschineneinträge die Wahlpräferenz beeinflussen und Wähler manipulieren können.

Das Problem bei dem Versuch war, dass er im Labor stattfand, also nicht unter realen Bedingungen. Im Labor verhalten sich Probanden anders als am Wahltag an der Urne. Deshalb wiederholten die Wissenschafter das Experiment bei der indischen Parlamentswahl 2014. Das Ergebnis war dasselbe. Obwohl die Probanden täglich mit der Kampagne konfrontiert waren und eine gefestigte politische Meinung zu einem Kandidaten hatten, konnten die verzerrten Suchtreffer die Präferenzen um bis zu 20 Prozent verändern.

Wenn also Google einen missliebigen US-Präsidentschaftsbewerber ausbooten will, kann es kurzerhand die Algorithmen ändern und so das Wahlverhalten steuern. Demokratietheoretisch ist das höchst bedenklich. Vor dem Hintergrund der stets knappen Wahlergebnisse in Swing States - bei der Wahl 2000 zwischen Al Gore und George W. Bush machten 537 Stimmen in Florida den Unterschied - könnte Google das Zünglein an der Waage werden. Epstein und Robertson warnen, dass "unregulierte wahlbezogene Suchrankings eine signifikante Gefahr für das demokratische System darstellen können".

Das Problem ist, dass man diesen Manipulationseffekt kaum entlarven kann. Googles Algorithmen sind ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis. Man weiß nur, dass sie 600 Mal im Jahr verändert werden. Der Suchalgorithmus von Google muss daher transparent gemacht werden. Sonst entscheidet Google die US-Wahl.

Adrian Lobe




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-19 18:08:05
Letzte nderung am 2016-04-19 18:19:38



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