• vom 22.05.2016, 16:29 Uhr

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Von Peter Hajek

  • Vor der Stichwahl wurden de facto keine Umfragen publiziert. Wir sind diesmal also nicht schuld. Aber alles paletti in der Meinungsforschung? Nein, wir stehen vor einer großen Herausforderung.

Peter Hajek ist promovierter Politikwissenschafter und Meinungsforscher. Er erhebt seit 20 Jahren die politische Stimmung für zahlreiche österreichische Medien.

Peter Hajek ist promovierter Politikwissenschafter und Meinungsforscher. Er erhebt seit 20 Jahren die politische Stimmung für zahlreiche österreichische Medien. Peter Hajek ist promovierter Politikwissenschafter und Meinungsforscher. Er erhebt seit 20 Jahren die politische Stimmung für zahlreiche österreichische Medien.

Die Meinungsforschung geriet nach dem ersten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl in Misskredit. Der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer wurde in den letzten Umfragen vor der Wahl bei rund 24 Prozent eingestuft. Am Wahltag lag er bei 35 Prozent. Dieter Zirnig, Gründer des Politikblogs neuwal.com, hat die Wahlumfragen der vergangenen Jahre genau analysiert und kommt zum Schluss, dass acht von zehn Umfragen den Ausgang einer Wahl sehr gut beschreiben. Die prognostizierten Ergebnisse liegen also innerhalb der Schwankungsbreite. Das gilt übrigens auch für die Wien-Wahl 2015, wo die Meinungsforscher angeblich ebenfalls klar danebenlagen.

Woran liegt es nun, dass die Meinungsforschung trotzdem so in der Kritik steht? Erstens: Wir Menschen sind zahlengläubig. Wir lernen ab dem 6. Lebensjahr, dass zwei und zwei vier ist. Deshalb nehmen wir Zahlen als absolut richtig wahr. In der empirischen Sozialforschung kann aber zwei und zwei auch drei oder fünf sein. Zweitens: Die Umfragedaten wurden in der Vergangenheit medial nicht ausreichend erklärt. Hier hat aber in jüngster Zeit ein Umdenken stattgefunden.

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Warum wird der Meinungsforschung überhaupt so viel Aufmerksamkeit zuteil? Der Vorwurf lautet immer, sie beeinflusse taktische Wähler. Die Wahl wäre quasi ganz anders ausgegangen. Nun, da kann man beruhigen: Das stimmt nicht. Bereits vor 15 Jahren hat sich im Parlament eine Enquete-Kommission dieses Themas angenommen. Man wollte damals Umfragen drei Wochen vor der Wahl wegen Beeinflussung verbieten. Fazit nach zwei Jahren Diskussion: "Insgesamt sind die Effekte erstens klein und zweitens als völlig unbedenklich einzustufen."

Ist nun alles paletti in der Meinungsforschung? Nein, wir stehen vor einer großen Herausforderung. Das Web 2.0 geht auch an uns nicht spurlos vorüber. Die goldenen Zeiten der Festnetztelefonie sind vorbei. Darauf hat man sich schon eingestellt. Der Anteil der Mobilnummern in den Stichproben beträgt bereits 70 Prozent. Das Problem dabei: Die Jungen tun mit ihren Smartphones alles, nur nicht telefonieren. Wir erreichen derzeit junge Menschen mit niedriger Bildung nicht mehr ausreichend. Diese Gruppe wählt aber zu einem großen Teil die FPÖ, womit wir wieder bei Hofer wären. Diese Wähler versuchen wir nun via Online-Befragung zu erreichen. Das funktioniert zum Teil sehr gut. Auffallend ist auch, dass die Verweigerung am Telefon bei politischen Umfragen, insbesondere bei der berühmten Sonntagsfrage, besonders eklatant ist. Die klassische Marktforschung hat diese Probleme nahezu gar nicht. Wir können also Menschen zu Auto- oder Möbelkauf befragen, aber beim Thema Politik stoßen wir an die Grenzen der Auskunftswilligkeit und Ehrlichkeit.

An dieser Herausforderung arbeitet die Branche. Wir brauchen aber die Umfragen vor Wahlen, denn unser Versuchslabor ist der Wahltag. Darum haben wir vor der Stichwahl zwar Umfragen gemacht, aber nicht publiziert. Das Ergebnis: Es gab keinen Unterschied zwischen den reinen Telefonbefragungen und Befragungen mit Methodenmix. In den Rohdaten lagen Hofer und Alexander Van der Bellen bei 43 zu 43. Besser geht’s nicht. Aber gilt das auch für die nächste Wahl?




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Dokument erstellt am 2016-05-22 16:32:04



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