• vom 19.08.2016, 11:24 Uhr

Gastkommentare


Gastkommentar

Liebe, Geist und Leidenschaft




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Karl Pangerl


    Karl Pangerl ist AHS-Lehrer und Unesco-Schulreferent. Foto: privat

    Karl Pangerl ist AHS-Lehrer und Unesco-Schulreferent. Foto: privat Karl Pangerl ist AHS-Lehrer und Unesco-Schulreferent. Foto: privat

    Indem jeder Mensch in seinem Innersten Geheimnis ist, entspringt auch Kultur als Ausdruck der Annäherung an die existenziellen Fragen nach Woher, Wohin und Bestimmung diesem Geheimnis. Worin aber besteht es, und wie kann man aus ihm heraus Leben, wie Kultur aufbauen? Jenseits des Geheimnisses wohnt das Vertrauen, der Glaube, damit diesseits das Leben seinen Farbenreigen zu entfalten vermag. Jene Momente im Leben, die der Erinnerung wert sind, sind die Augenblicke gemeinsamen Glücks. Wenn man aber aus der Liebe kommt, durch die Liebe hindurchgeht und wieder in sie heimkehrt, liegt es nahe, dieses grundlegende Geheimnis jenseits von Raum, Zeit und Konfessionen in der Aufgehobenheit in Liebe zu sehen.

    Im Leben wird die Liebe konkret. Es ist jenes Prisma, in dem sich die Liebe in Leidenschaften bricht. Leidenschaft bedeutet Hingabe - in Freude wie in Schmerz. Leidenschaft im positiven Sinne macht das Leben erst lebenswert: Träume, Sehnsüchte, ebenso kleine Gesten und Zeichen des Alltags wie einladende Häuserfassaden, verführerische Düfte, Gastfreundschaft, verlässliches Fachwissen, Stimmen der Kunst, ein Lächeln, das verzaubert.

    Werbung

    Leidenschaften sind unberechenbar, stellen in Frage, schlagen Brücken, brechen sie ab. Sie sind Fenster zur Seele, sie lügen nicht, darum aber machen sie verletzlich. So braucht es auf dem dornigen Weg zum Glück den, der seine Verletzlichkeit bewahrt, und den anderen, der sie respektiert. Wege formen sich in scheinbaren Umwegen zu Bildern, Erzählungen, Sinn. Und die Vernunft? Das Wesen der Aufklärung besteht nicht darin, die Leidenschaften auszuklammern, sondern sie und das, was man aus Leidenschaft tut, zu veredeln und zu dauerhafter Form zu kristallisieren.

    Sozialpolitik will es allen ermöglichen, sich in die Allgemeinheit einzubringen
    Im praktischen Leben führt dies zur Synthese von Ich und Wir. Indem jeder nach Erfüllung strebt, trägt jeder zum Gelingen von Gemeinschaft bei. Sozialpolitik in einer hochkomplexen Zivilisation will ermöglichen, dass möglichst alle ihre Talente und die Früchte ihrer Freiheit lebendig und bereichernd in die Allgemeinheit einbringen. Eine "Ökonomie der Leidenschaften" verwandelt diesen sozialen und interkulturellen Dialog in Form, Farbe, Lebensqualität. So wie Logik das Gefühl zu leiten vermag, ist der Wettbewerb des Marktes soziale Interaktion, um die Qualität des Angebots zu optimieren und so dem Einzelnen Horizonte zu eröffnen. Solcherart verstandener Fortschritt verengt nicht ganze Völker auf eine Schlüsseltechnologie, sondern verknüpft jeden mit jedem in einem von Empathie und Pioniergeist getragenen Netzwerk.

    Leidenschaft, gepaart mit Vernunft mündet politisch in ein Mehr an direkter Demokratie. Eine Politik, die den Einzelnen in die Gestaltung seines Lebensraumes einbindet, braucht sich über Bürgermitsprache auf nationaler und EU-Ebene keine Sorgen zu machen, weil man gelernt hat, Vertrauen aufzubauen und aufeinander einzugehen. Auf weltpolitischer Bühne bedingt eine solche Konstellation, dass die Akteure einander als Menschen begegnen, die sich ihre Unvollkommenheit eingestehen, um ihre wechselseitige Bedingtheit wissen und "Macht" in schöpferische Energie umzuwandeln vermögen.

    Das Wesen der Aufklärung besteht nicht darin, die Leidenschaften auszuklammern, sondern sie zu veredeln.




    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-08-17 11:29:04



    Werbung



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Das dritte Österreich
    2. Schluss mit der Inszenierung
    3. Der grüne Pilz
    4. Balanceakt am Ballhausplatz
    5. Tacheles reden, das wär’ gut
    Meistkommentiert
    1. Der Umbruch
    2. Das dritte Österreich
    3. Der grüne Pilz
    4. Schluss mit der Inszenierung
    5. Der Sino-Sputnik-Schock


    Werbung


    Werbung