• vom 12.10.2016, 16:05 Uhr

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Update: 14.10.2016, 13:35 Uhr

Gastkommentar

Genosse Corbyn und Sozialismus mit dem iPhone




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Von Melanie Sully

  • Labour ist die am schnellsten wachsende Partei Europas links der Mitte. Doch der Parteichef hat auch viele interne Kritiker.

Melanie Sully ist britische Politologin und leitet das Institut für Go-Governance in Wien.

Melanie Sully ist britische Politologin und leitet das Institut für Go-Governance in Wien. Melanie Sully ist britische Politologin und leitet das Institut für Go-Governance in Wien.

Die Tory-Partei war unter Margaret Thatcher gespalten zwischen den "Wets" und den "Drys", wobei Erstere als Gegner ihrer radikal rechten Politik galten. Hohe Arbeitslosigkeit und ein Krieg gegen die mächtigen Gewerkschaften konnten nach Ansicht der "Wets" niemals zum Wahlerfolg führen. Thatcher gelang dies jedoch dreimal.

Labour-Chef Jeremy Corbyn steht nun vor einem ähnlichen Dilemma. Er wurde mit mehr als 300.000 Stimmen zum Parteichef wiedergewählt - Labour braucht jedoch weitere elf Millionen Stimmen, um Premierminister werden zu können, aber seine linksradikale Politik deckt sich nicht mit den Vorstellungen der Wähler, die sich eher von der Ukip oder von den "Brexiters" angesprochen fühlen.

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Die Wähler haben es jedoch satt, Politiker zu sehen, die alle gleich aussehen und reden. Sogenannte Slim-Fit-Politiker wie Tony Blair oder Ed Miliband stammten von einem anderen Planeten. Jenes Foto, auf dem Miliband versucht, ein Speck-Sandwich mit den Händen zu essen, ist legendär; und Journalisten wurden aus seinen sonderbaren und komplizierten Sätzen einfach nicht schlau. Im Gegensatz dazu spricht Corbyn eine klare und konsequente Sprache. Schon seit Jahrzehnten interessiert er sich fernab der Medien für Benachteiligte, Minderheiten und Obdachlose.

Aber ist Corbyn wählbar? Vor gerade einmal einem Jahr sahen die Buchmacher Corbyns Chancen auf den Labour-Vorsitz in etwa bei null. Ein Strandesel hätte größere Chancen gehabt, das Grand-National-Pferderennen zu gewinnen.

Doch Corbyns Stärken liegen in der Sozial- und Bildungspolitik, wo viele Wähler zu gewinnen sind. Seiner Labour-Partei ist es gelungen, junge und neue Mitglieder zu mobilisieren, weshalb sie nun die am schnellsten wachsende Partei Europas links der Mitte ist. Dabei setzt Labour sowohl auf Social Media als auch auf moderne Technologie. Im Gegensatz dazu wurden die Gegner und Kritiker Corbyns, die vor allem in den Reihen der Abgeordneten zu finden sind, in der parlamentarischen Blase zurückgelassen. Sie werden nun ihre Kampagne auf die Straße und in die Arbeiterverbände verlagern müssen.

Die Politik Corbyns hat jedoch eine Achillesferse: die Einwanderung. Sein Slogan "Ausländer willkommen" wird bei arbeitenden Menschen, die mit der Ukip oder dem rechten Flügel der Tory-Partei sympathisieren, auf keine Gegenliebe stoßen. Corbyn argumentiert, dass die Antwort in einer besseren Infrastruktur liege. Die Wähler jedoch wollen zunächst Taten
sehen.

Sollte Corbyn in den parlamentarischen Debatten straucheln oder Labour die Nachwahlen oder Kommunalwahlen im nächsten Frühjahr verlieren, könnte er mit einer neuen Parteichef-Debatte konfrontiert werden. Eine Wahlrechtsreform im Jahr 2018 könnte Labour bei einer Wahl etwa 20 Mandate kosten. Gut möglich, dass vorgezogene Neuwahlen im Interesse Corbyns sind. Die Brexit-Pläne von Premierministerin Theresa May könnten den Anlass dafür liefern. Der daraus resultierende Kampf wird dann darüber entscheiden, ob Genosse Corbyn in der Downing Street sitzen wird oder wieder auf den Hinterbänken.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-10-12 16:08:05
Letzte Änderung am 2016-10-14 13:35:05



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