• vom 20.03.2017, 17:03 Uhr

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Demokratie ohne Volk?




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Von Marianus Mautner

  • Gastkommentar: Wann werden bei Bildungsreform und Schulautonomie die Beteiligten und Betroffenen - als Experten im Feld - mitreden und mitentscheiden?



Zur Debatte um die Bildungsreform und die Schulautonomie drängen sich einige Fragen auf:

Was ist hier neu? Schulleiter können, so scheint es, auch jetzt schon für acht und mehr Schulen zuständig sein. Neu ist nun die Gefahr der Reduktion auf nur noch eine Sekretariatskraft für einen Cluster mit bis zu acht Schulen (statt acht Sekretariatskräfte).

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Autonomie für wen? Diese gilt offenbar nur für den Clusterleiter (er darf nun alles bestimmen) ohne Einbindung der Basis: Schüler, Eltern, Lehrer. Deren Einbindung bleibt ungeregelt und wird nicht einmal erwähnt (ja, sie soll zum Teil sogar abgeschafft werden).

Lasst die Schüler mitreden. Echte Schulautonomie braucht auch eine Mitsprache an der Basis.

Lasst die Schüler mitreden. Echte Schulautonomie braucht auch eine Mitsprache an der Basis.© apa/Helmut Fohringer Lasst die Schüler mitreden. Echte Schulautonomie braucht auch eine Mitsprache an der Basis.© apa/Helmut Fohringer

Wie stellen sich die Zahlen im Detail dar? Ein Cluster mit maximal 2500 Schülern betrifft jedenfalls keine (ein- bis zweiklassigen) Kleinstschulen. Was ist mit der "Erhaltung von Kleinstschulen" gemeint? Eine einklassige Volksschule mit acht Kindern? Die kann sich jetzt schon Kooperationspartner suchen. 2500 : 8 = 312,5 Schüler - das ist die Größe eines Gymnasiums mit etwa 13 Klassen; ein solcher Cluster hätte also (bei einer Obergrenze von 25 Schülern pro Klasse) gut 100 Klassen und 300 Lehrer (grob vergleichbar mit 10 Gymnasien). Diese Größe kann eine Person (vor allem ohne Zwischenebenen und mit nur einer Sekretariatskraft) nicht managen.

Schulverwaltung - wo bleibt die Reform? Sie bekommt nur einen neuen Namen (Bildungsdirektion statt Landesschulrat).

Wer hat bis jetzt verhandelt? Nur die Gewerkschaft? Wo gäbe es das, dass Verhandler nicht nochmals ihre Basis abstimmen lassen müssen? Gewerkschafter haben sicher nicht Bund und Länder vertreten für eine Bund-Länder-Einigung. Wer hat sich da geeinigt? Praxisferne Politiker? Es wurde keine Liste der Verhandler publiziert, um diese kontaktieren zu können (es blieb also alles hinter verschlossenen Türen).

Wie geht eine bessere Ressourcenverteilung? Woher/Aus welcher Schicht (Umschichtung) kommen die "zusätzlichen" Mittel? Wenn zum Beispiel ein Vorrang für Kindergarten neu gesetzt werden soll. Kostenneutral geht das wohl nicht, sondern entweder mir Mehrkosten oder mit Einsparungen in einem anderen Bildungsbereich. Einsparungspotenzial ohne Qualitätsverlust gibt es offenbar nicht, weil nichts dergleichen benannt wird und man das schon längst auch ohne Umschichtung hätte machen können und sollen.

Wo bleiben Demokratie und Partizipation? Die Basis (Schüler, Eltern, Lehrer) wurde nicht einmal irgendwann buttom-up befragt. Aber wo und wie sollen Schüler Demokratie lernen?

Wer spricht von Honorierung? Wann wurden den Lehrern jemals Mehraufwände (und neue Zusatzaufgaben) abgegolten? Zum Beispiel massiv gestiegene Elternarbeit (vor allem, wenn es große Migrantengruppen gibt), soziale Erziehungsaufgaben, administrative Aufwände (Listenführung), Erstellung von Unterrichts- und Übungsmitteln (Arbeitsblätter etc.), noch mehr Projektunterricht, die stetig wachsende Zahl der Unterrichtsprinzipien (aktuell zehn), um sich neue Fächer (für neue oder zu wenig entwickelte oder nicht mehr von Eltern erbrachte Inhalte) zu ersparen, und das auch noch ohne Reform der Lehrpläne und flächendeckende Lehrerfortbildung.

Wie viel Verhandlungszeit und -umfang sind genug? Wie können 30 Gesetze mit 400 Punkten auf 150 Seiten in 15 (auch noch so langen) Verhandlungsrunden ausdiskutiert werden? Das können nur Überschriften bleiben ohne genaue Details.

Wo bleiben Ergebnisse in wichtigen Bereichen? Es braucht eine klare Kompetenzzuweisung (Kompetenzteilung zwischen Bund und Ländern) und klare Finanzierungswege. Internationale Forschungsergebnisse sollten mehr beachtet werden. Steht nach wie vor Sparpolitik im entscheidenden Hintergrund (Kostenneutralität)? Wie können 5300 Schulversuche (sind überhaupt alle bereits evaluiert worden?) ins Regelschulwesen übergehen? Wie geht das ohne Lehrplanreform beziehungsweise -verschlankung? Wo sind sichtbare Einsparung durch eine Verwaltungsreform? Wo sind neue inhaltliche und pädagogische Konzepte und Modelle? Wo ist die Planung der Lehrerfortbildung? Und wer zahlt sie, wenn der Clusterleiter allein darüber bestimmt? Wo findet man die versprochenen administrativen Hilfskräfte (das wären Jobs für Personen mit einfacher Ausbildung)? Wo findet man die längst zugesagten zusätzlichen Sozialpädagogen und Psychologen (200 wie zuletzt gehört sind etwas wenig für rund 6000 Schulen; einen Psychologen braucht man bei einer Krise sofort vor Ort).

Alternative A:
Eine Reform von unten

Ein Vier-Ebenen-Modell könnte eine Option für eine solche Schulentwicklung sein (durch die Mitwirkung kann sich am Ende auch jeder besser damit identifizieren):

Standortgruppe: Jede Schule entwickelt für sich (Schüler, Eltern, Lehrer, Leitung, ggf. diverse ausgewählte Partner, andere Angestellte) gemeinsam das pädagogische Konzept, die Schwerpunkte und die zeitlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen für den jeweiligen Standort - mit der Option, genau das umzusetzen. Das wäre echte Autonomie.

Die Delegiertenversammlung eines Bezirks oder einer Region (eventuell maximal 25 Schulen), bestehend aus je einem Schüler, einem Elternteil und einem Lehrer einer Schule entwickeln ein gemeinsames Konzept für die Region.

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Dokument erstellt am 2017-03-20 17:08:14



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