• vom 21.04.2017, 11:00 Uhr

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Heilsamer Praxistest in Nordkorea




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Von Clemens M. Hutter

  • Zum Ruf nach einem "starken Mann": Wer nie unter autokratischer oder totalitärer Herrschaft gelebt hat, kann staatlichen "Terror von oben" nicht nachvollziehen.

Clemens M. Hutter war Chef des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".

Clemens M. Hutter war Chef des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".

© privat

Clemens M. Hutter war Chef des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".

© privat

Einer aktuellen Umfrage zufolge wünschen sich 43 Prozent der befragten Österreicher "ziemlich" bis "sehr" einen "starken Mann" an der Regierung. Beispiel Türkei? 23 Prozent hätten auch nichts gegen ein totalitäres System, das "Recht und Ordnung" schafft. Beispiel Hitler-Deutschland? Vor zehn Jahren neigten diesem System nur 14 Prozent zu, weil damals die Globalisierung noch nicht derart viel Verunsicherung ausgelöst hatte. Und 61 Prozent aller Altersgruppen halten ein schärferes Vorgehen gegen Unruhestifter und Außenseiter für notwendig. Schließlich meinen 40 Prozent, dass ein Schlussstrich unter der Debatte über den Holocaust überfällig wäre - eines der historisch größten Verbrechen. Zudem vertreten 55 Prozent der Jungen die Ansicht, der Nationalsozialismus habe "nicht nur Schlechtes" gebracht. Also wird der Bau von Autobahnen gegen die KZ aufgerechnet?

Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb bedauert in diesem Zusammenhang, dass es zumal unter den Jüngeren trotz Gedenkstätten, Ausstellungen und Bemühungen im Unterricht an historischen Kenntnissen mangle. Rathkolb bilanziert: "Da läuft irgendetwas schief." Dieses "Irgendetwas" deckt ein uraltes Sprichwort auf: "Das gebrannte Kind fürchtet das Feuer." Wer also nie eine heiße Herdplatte berührt hat, kennt den Schmerz nur vom Hörensagen - quasi theoretisch. Umgelegt auf die Geschichte heißt das: Wer totalitäre Herrschaft nicht erlebt hat, redet darüber nur zu leicht wie ein Blinder über Farben.

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Systematischer Terror
Autoritäre Herrschaft wie in der Türkei löst zumindest Rechtsunsicherheit aus. Der "starke Mann" schaltet die Medien gleich, erklärt Kritiker zu "Terroristen" und steckt Oppositionelle ins Gefängnis. Die gegängelte Justiz bietet gegen solche Willkür keinen Schutz.

In autoritärer Herrschaft nistet bereits die totalitäre Versuchung: Der "starke Mann" tut, was er will, und alle anderen müssen ebenfalls tun, was er will. Das gelingt, wenn das natürliche Zutrauen zwischen Menschen durch allgemeines Misstrauen zersetzt wird. Dann kann jeder Gesprächspartner ein Gestapo-Spitzel oder ein Denunziant sein. Also enden "Recht und Ordnung" eben im KZ. Und der Denunziant sammelt Gutpunkte für seine Karriere - eine Form von institutionalisierter Korruption.

Wer kann sich heute ernsthaft vorstellen, dass man selbst mit Bekannten nur noch über das Wetter offen diskutieren darf, dass es nur noch zentral gelenkte Medien gibt und dass das "Abhören von Feindsendern" den Kopf kosten kann? Dann schlägt der Satz von Adolf Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels voll durch: "Eine Lüge muss nur groß genug sein, dann glaubt sie jeder." Es fehlt eben jede Gegenrede. Viele Menschen schliefen damals aus Angst schlecht, weil sie vielleicht irgendwo "Verbotenes" unbedacht geäußert hatten: Es könnte ja nachts die Gestapo an der Tür klopfen und jemanden aus dem Bett heraus verhaften.

In totalitären Systemen sind politische Parteien, der Gesetzgeber Parlament und eine unabhängige Justiz überflüssig. Daher verkommen Wahlen zu verordneten Ritualen der Zustimmung. Und weil kein totalitäres Regime Fehler macht, braucht es Sündenböcke für Pannen aller Art: Juden, Zigeuner, religiöse Gruppen oder "Andersrassige". Außerdem werden geistig oder körperlich Behinderte als "unnütze Esser" und Gefahr für die reine "arische Rasse" vergast. Amtlich wird das zum "Gnadentod" umgelogen.

Alles in allem ist Totalitarismus systematischer Terror von oben, damit das Volk kuscht und dem "starken Mann" gehorcht. Autoritäre Regimes handeln vergleichsweise milder, aber tendenziell gleich: Meinungsfreiheit einschränken, Kritik unterbinden, Fehlleistungen kaschieren oder Sündenböcken zuschrieben. Wer immer noch das Heil von einem "starken Mann" erwartet, möge sich zwei Monate einem Praxistest in Nordkorea unterziehen. Das wäre ein Aha-Erlebnis der Extraklasse.




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Dokument erstellt am 2017-04-20 18:24:04



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