• vom 21.04.2017, 16:40 Uhr

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Update: 21.04.2017, 17:26 Uhr

Frankreich-Wahl

Was für ein Wahlkampf!




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Von Joëlle Stolz


    Joëlle Stolz ist Journalistin,langjährige Wien-Korrespondentin von " Le Monde ", sowie in Nigeria und Mexiko. - © privat

    Joëlle Stolz ist Journalistin,langjährige Wien-Korrespondentin von " Le Monde ", sowie in Nigeria und Mexiko. © privat

    Keine noch so überraschende Wendung wurde uns dabei erspart, bis hin zu den blutigen Zwischenfällen drei Tage vor dem ersten Wahlgang, dem Attentat auf drei Polizisten an einem symbolischen Ort der französischen " Grandeur ", den Champs-Elysées.

    Seit der Einführung der Direktwahl des französischen Staatspräsidenten 1962 durch de Gaulle hat es das noch nie gegeben: Vier Kandidaten liegen in den Umfragen fast gleichauf. Kommt es zu einem Duell Emmanuel Macron - Marine Le Pen, dann erleben wir geradezu karikaturhaft das Aufeinanderprallen zwischen dem Kandidaten der Öffnung und der Kandidatin der nationalen Abschottung, dem Verteidiger der Europäischen Union und der Politikerin, die diese zugrunderichten möchte, dem Anwalt der " Flexi-Sécurité " und der Kämpferin für das von den Eliten verhöhnte Volk. Und indirekt zwischen den Menschen, die sich überall wohl fühlen, wo sie ihren Mac abstellen und jenen, die sich lieber im eigenen Land " zu Hause " fühlen wollen.

    Der ehemalige Korrespondent der Financial Times in Berlin, der britische Journalist David Goodhart hat kürzlich einen Essay mit dem Titel " The Road to Somewhere " veröffentlicht, in dem er den Bruch zwischen den Menschen analysiert, die die Welt von " überall her " betrachten (die der Anywheres, knapp ein Viertel der Bevölkerung) und denen, die sie immer von " einem bestimmten Ort aus " sehen (die Somewheres, etwa die Hälfte). Dieser Gegensatz hat schon 2016 die österreichischen Bundespräsidentenwahlen, den " Brexit " und die amerikanischen Präsidentenwahlen dominiert.

    Dennoch bleibt hinter dieser Konfrontation des 21. Jahrhunderts die Rechts-Links-Teilung des Landes, ein Erbe des 19. Jahrhunderts, bestehen. Auf der einen Seite François Fillon, der Kandidat der Partei Les Républicains, der trotz einer beispiellosen Reihe von Skandalen die Stellung hält und sich auf ein unternehmerfreundliches Programm stützt, aber auch auf die Stammwählerschaft der katholischen Rechten. Der Schlossherr aus dem Departement Sarthe ist ein Vertreter der Regionen im Westen des Landes, die sich so schwer damit getan haben, die Französische Revolution zu akzeptiern.

    Ihm gegenüber steht Jean-Luc Mélenchon, der den Kandidaten der sozialistischen Partei Benoît Hamon weit hinter sich zurückgelassen hat. Obwohl er auf die staatliche Lenkung der Wirtschaft setzt (von bösen Zungen mit " Kuba ohne Sonne " verglichen), versteht er es meisterhaft, auf der Klaviatur der revolutionären Leidenschaften zu spielen. Er tritt auf wie Victor Hugo als Kämpfer für die Entrechteten, oder wie auf Delacroix’ Gemälde : Die Freiheit führt das Volk. " Haben Sie überhaupt sein Programm gelesen ? " fragen die vernünftigen Leute. Doch vielen von denen, die Sonntag für ihn wählen werden, ist das egal. Was sie vor allem wollen, ist das System ins Wanken zu bringen und Macron, dem Prototyp eines Musterschülers, mit seinem makellosen Scheitel etwas entgegenzusetzen. Der Geist der Revolution ist nach wie vor zu spüren, und sogar Marine Le Pen hat es bei der Fernsehdebatte am 20. April passend gefunden, in einem roten Blazer zu erscheinen.

    Angesichts dieser Konstellation scheint es besser, sich für die Vernunft und nicht für das Gefühl zu entscheiden und deshalb werde ich am Sonntag für Macron wählen. Wird Marine Le Pen geschlagen, können wir aufatmen. Aber nicht für lange : Wir treten in ein Zeitalter gewaltiger Veränderungen ein, mit nie dagewesenen Umwälzungen der Arbeitswelt und der Grenzen des Menschlichen. Das ist eine gewaltige Herausforderung, auf die unsere Gesellschaften äußerst schlecht vorbereitet sind.

    Aus dem Französischen von Margret Millischer





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    Dokument erstellt am 2017-04-21 16:41:50
    Letzte nderung am 2017-04-21 17:26:16



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