• vom 08.05.2017, 09:00 Uhr

Gastkommentare

Update: 25.07.2017, 16:39 Uhr

Gastkommentar

Vom Verlust der Freiheit




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Von Bülent Kacan


    Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen). Foto: privat

    Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen). Foto: privat Bülent Kacan ist Schriftsteller in Minden (Nordrhein-Westfalen). Foto: privat

    Als wir noch Kinder waren, spielten wir arglos miteinander Völkerball, wussten wir doch nicht, welche ambivalente Bedeutung der Begriff "Volk" in jenem Land besaß, das wenige Jahre zuvor völlig zerstört am Boden lag. Unsere Eltern waren damals, nachdem man sie eingeladen hatte, aus allen Himmelsrichtungen dorthin gekommen, um beim Wiederaufbau - das deutsche Wirtschaftswunder stand in voller Blüte - mitzuhelfen. Wir - damit meine ich griechische, portugiesische, türkische, kurdische, italienische und deutsche Buben und Mädchen - ein buntes Völkergemisch, Kinder, die wunderbar miteinander klar kamen, im Spiel und darüber hinaus.

    Später, als wir allmählich aus unseren Kinderschuhen herauswuchsen, erkannten wir, dass eine deutsche Fußballnationalmannschaft existierte und eine griechische und eine türkische, und wir erkannten, dass jede Nation eine eigene Fahne, eine eigene Hymne und ein eigenes unverkennbares Trikot besaß. Es waren dies allesamt Symbole, die sich von denjenigen der anderen Nationen deutlich unterschieden, ja, geradezu auf eine unmissverständliche Unterscheidung hin angelegt waren.

    Unsere Eltern, durchaus fürsorgliche Menschen, brachten uns recht schnell bei, dass wir auf all die Unterschiede, die uns voneinander trennten, achten mussten, um uns, wie es hieß, als ordentliche Griechen, Portugiesen, Türken, Italiener, Kurden oder Deutsche zu verstehen. Unterschiede, die uns in unserer Kindheit kaum aufgefallen waren. Unterschiede, die immer mächtiger, übermächtiger, schier unüberwindlicher wurden, je stärker wir uns auf sie einließen.

    Ideologische Schutzwälle aus Nationalitäten

    Zeitgleich ließen wir all die Gemeinsamkeiten, die uns in unserer Kindheit verbanden, außer Acht. Wir mauerten uns ein. Wir schufen uns durch unsere Nationalitäten künstliche Schutzwälle, mit wenigen kleinen Gucklöchern darin, aus denen wir hin und wieder in die große weite Welt hinausblicken, nur um zu erkennen, wie beschränkt wir doch als Erwachsene geworden sind. Erwachsene, die nach künstlichen Trennlinien Ausschau halten, um den Einbruch einer Welt zu verhindern, die uns in unserer Kindheit angezogen und zu unzähligen Abenteuern angetrieben hatte, uns Erwachsenen aber erscheint diese Welt zusehends komplexer und komplizierter. Wir entwarfen also ordnungshalber ganze Weltsysteme, um unsere Furcht vor der Unberechenbarkeit dieser Welt im Zaum zu halten.

    Wir unterschieden zwischen Gut und Böse, zwischen Arm und Reich, zwischen Gläubig und Ungläubig und zwischen Weiß und Schwarz. Wir schufen gewaltige gesellschaftliche Strukturen, die uns Schutz bieten sollten vor der großen weiten Welt dort draußen. Eine Welt, die, je größer und gewaltiger wir unsere gesellschaftlichen Strukturen auch entwerfen mögen, zusehends unberechenbarer erscheint. Wir pressten die Welt dort draußen in künstliche Kategorien und Kataloge, in eine Kartografie menschlicher Handhabungen, mit denen wir begreifen wollten, was trotz unseres Bemühens letztlich unbegreiflich bleibt - die menschliche Existenz, das Leben als solches.

    Wir zweifeln daran, menschlich zu wachsen

    Die wenigen Gucklöcher in unseren Schutzwällen wollten wir allerdings nicht vergrößern, sei es, weil wir uns, trotzartig wie wir sind und unbelehrbar wie wir bleiben, vor der großen weiten Welt dort draußen fürchten, sei es, weil wir uns für unsere Nacktheit schämen. Es ist dies eine existenzielle Nacktheit, die wir im Grunde genommen von klein auf mit uns herumtragen, ganz gleich, in welcher Form wir uns auch einzukleiden gedenken. Wir sind nicht eingekleidet, weil wir Kleider tragen, vielmehr bleiben wir bis zuletzt nackt, weil wir unsere Nacktheit immer nur oberflächig verhüllen können. Unsere ideologischen Schutzwälle dienen einzig und allein dazu, uns stark, sicher und überlegen zu fühlen.

    Dass wir trotz allem noch immer die Fähigkeiten besitzen, uns jederzeit in jene ungestümen Geschöpfe zu verwandeln, die wir in unserer Kindheit unzweifelhaft waren, daran glauben wir allerdings nicht mehr. Wir zweifeln daran, menschlich zu wachsen, sollten wir einmal die ideologischen Schutzwälle um uns herum einreißen - führt uns die Vorstellungswelt der Erwachsenen, führen uns ihre Geschichten, Gemüter und Gesinnungen doch immer wieder vor Augen, dass eine Freiheit, die uneingeschränkt gelebt wird, zwangsläufig ins Verderben führt.

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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-05-07 19:39:09
    Letzte ─nderung am 2017-07-25 16:39:32



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