• vom 18.05.2017, 12:24 Uhr

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Auf dem Weg zu einem "Planetary Stewardship"




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Von Philippe Narval

  • Gastkommentar: Ein neues Erdzeitalter hat begonnen - und wir müssen Verantwortung übernehmen.

Philippe Narval ist Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach, das sich von 16. August bis 1. September dem Generalthema "Konflikt & Kooperation" widmet (Programm und Anmeldung: www.alpbach.org). Foto: privat

Philippe Narval ist Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach, das sich von 16. August bis 1. September dem Generalthema "Konflikt & Kooperation" widmet (Programm und Anmeldung: www.alpbach.org). Foto: privat Philippe Narval ist Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach, das sich von 16. August bis 1. September dem Generalthema "Konflikt & Kooperation" widmet (Programm und Anmeldung: www.alpbach.org). Foto: privat

Wir haben es uns gut eingerichtet in unserer marktkonformen Gesellschaft, die uns über Jahrzehnte versprochen hat, dass es jeder nächsten Generation materiell besser gehen wird. Wir spüren nun, dass diese Erzählung nicht mehr tragbar ist und sich auch das über 12.000 Jahre dauernde Erdzeitalter Holozän überholt. Das Ende des Erdzeitalters, das unserem Planeten über lange Perioden die stabilsten ökologischen und klimatologischen Bedingungen in der Erdgeschichte beschert hat, ist ganz unaufgeregt eingeläutet worden. Die Wissenschafter der Internationalen Stratographischen Gesellschaft haben entschieden, dass genügend Evidenz vorliegt, um unter dem Namen Anthropozän ein neues Erdzeitalter auszurufen. In ihm ist der Mensch nun der bestimmende Faktor im Ökosystem.

Jetzt müssen die Wissenschafter nur noch festlegen, welcher Marker in den Sedimentschichten des Planeten den offiziellen Beginn des Anthropozäns am besten darstellt. An Auswahl mangelt es nicht: Sie reicht von radioaktiven Sedimenten, die wir den ersten Atomtests der 1950er verdanken, bis zum massiven Auftauchen von Hühnerknochen - dem Totemtier der Massentierhaltung schlechthin - auf den Mülldeponien unseres Planeten. Irgendwo in den Dekaden der Babyboomer der 1950er und 1960er wird er aber liegen, der offizielle Beginn unserer planetarischen Allmacht.

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Der Globus ist nur begrenzt belastbar
Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die dem Globus wieder Respekt und Würde verleiht und unsere planetarischen Grenzen respektiert? Wie gelingt der Kulturwandel hin zu einem "Planetary Stewardship", wenn der Konflikt mit den Naturgewalten und Mangelsituationen, denen der Mensch über Jahrtausende ausgeliefert war, so tief in unserem Unterbewusstsein verankert scheint? Kein anderer als das Oberhaupt der Katholischen Kirche stellt sich diese Frage in seiner Enzyklika "Laudato si". Es mag ironisch sein, dass der höchste Vertreter einer Institution, die über Jahrhunderte hinweg nicht gerade ein Treiber von Aufklärung und Wissenschaft war, nun auf Basis fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse als Mahner für Umwelt und Klimaschutz auftritt. Doch das macht die Fragen des Papstes nicht minder relevant.

Überall in Europa haben sich Menschen, Organisationen und Unternehmen schon vom ausschließlichen Profitstreben verabschiedet, sie setzen sich nachhaltigere Ziele. Was bräuchte es, um diese Formen zu fördern, ohne die Werte einer offenen Gesellschaft aufs Spiel zu setzen? Könnte sich Europa global behaupten, wenn es bereit wäre, sein Wirtschaftssystem neu auszurichten? Wie sieht eine Energiewende aus, die nicht auf dem Reißbrett entsteht, sondern von den Bürgern erfunden wird? Welche anderen Formen des Wachstums werden möglich, wenn wir den Wachstumswillen in Quantität hinter uns lassen?

Wenn Konfliktlinien aufbrechen
Darüber erlauben sich wenige in Zeiten wie diesen nachzudenken, denn große Konfliktlinien brechen gerade auf: zwischen den Generationen, zwischen den Nationalstaaten und zwischen den Menschen in erfolgreichen Technologiezentren und jenen an der Peripherie - um nur einige zu nennen. In Zeiten der Unsicherheit verlassen sich Menschen gerne auf vertraute Handlungsmuster und Institutionen. Das bringt eine supranationale Institution wie die Europäische Union in Bedrängnis. Dennoch ist die EU wohl das erfolgreichste Beispiel von Kooperation und Konfliktlösung beziehungsweise -vermeidung. Ihre größte Leistung ist es, Institutionen geschaffen zu haben, in denen gemeinsam gehandelt wird.

Eine vorausdenkende Minderheit fordert nun eine Europäische Republik und damit das Ende der Nationalstaaten. Ob Republik oder nicht - in der Essenz geht es um die Forderung, das Subsidiaritätsprinzip endlich konsequent umzusetzen. Die Desillusionierten hingegen wollen eine Reduktion der Verantwortung der Union auf den Binnenmarkt und den gemeinsamen Schutz der Außengrenzen. Sie sind bereit, dafür eine Grundfreiheit Europas, die Personenfreizügigkeit, zu opfern.

Wofür stehen wir Bürger Europas ein?
Als europäisch denkende Bürger ist es an uns zu fragen, wofür wir bereit sind zu streiten und einzustehen; denn das haben wir verlernt. Wie angenehm ist es doch, einfach nur passiv-tolerant zu sein. Ohne zivilisiert ausgetragene Konflikte und Streit wird es nicht gehen, und wir werden Europa nicht gegen die inneren Feinde der Demokratie verteidigen können. Abkapseln voneinander wird uns nicht weiterbringen. Dass die virtuellen Netzwerke unsere gesellschaftlichen Abschottungstendenzen durch ihre algorithmengetriebenen Logiken auch noch befördern, ist fatal.

"Ändert sich das Medium, ändert sich auch die Gesellschaft", hat der Philosoph und Kulturhistoriker Walter Benjamin einmal gesagt. Gerade erleben wir die brutale Realität hinter diesem einfachen Satz. 2017 begehen wir übrigens den 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther in Wittenberg 65 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks. Diese Innovation verhalf zu Beginn einigen wenigen zu einem enormen wirtschaftlichen Vorteil - und verbreiterte zugleich bald den Zugang zu Bildung.

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Dokument erstellt am 2017-05-18 12:30:06



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