• vom 06.06.2017, 12:14 Uhr

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Update: 06.06.2017, 18:49 Uhr

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Mehr Hilfe für abhängige Frauen




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Von Werner Sipp

  • Wir müssen geschlechterspezifische Unterschiede in der Drogenpolitik bewältigen. Ein Drittel der Süchtigen ist weiblich, aber nur jede fünfte Behandelte eine Frau.

Werner Sipp war bis Mitte Mai Präsident des Internationalen Suchtstoffkontrollrates (INCB), eines unabhängigen, quasi-gerichtlichen Organs, das die Umsetzung der internationalen Drogenkontrollübereinkommen der UNO überwacht. Foto: INCB

Werner Sipp war bis Mitte Mai Präsident des Internationalen Suchtstoffkontrollrates (INCB), eines unabhängigen, quasi-gerichtlichen Organs, das die Umsetzung der internationalen Drogenkontrollübereinkommen der UNO überwacht. Foto: INCB

Niemals werde ich meinen Besuch in der Frauen-Ambulanz im Pereira Rossell Krankenhaus in Montevideo (Uruguay) im November 2015 vergessen. Ich war in dem Land in meiner Funktion als Präsident des Internationalen Suchtstoffkontrollrates (INCB) und hatte die Möglichkeit, in diesem Spital an einer Gruppentherapiesitzung mit einigen drogenabhängigen Frauen teilzunehmen. Viele sprachen darüber, wie sie sich infolge der Drogenabhängigkeit von ihren Familien und Gemeinschaften entfremdet hatten. Einige lebten auf der Straße; viele hielten ihre Kinder im Arm.

Ich traf Ana-Paula (Name geändert, Anm.), eine Mutter in ihren Zwanzigern, deren Optimismus und Wärme trotz ihres fortwährenden Kampfes bewundernswert waren. Ihre Geschichte bewegte mich tief: Als sie ihre Schwangerschaft bemerkte, ließ sie sich wegen ihrer Kokapaste-Abhängigkeit behandeln. Sie realisierte, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verloren hatte und sich nichts mehr als ein gesundes Baby wünschte. In den vergangenen Monaten hatte sie keine Kokapaste mehr konsumiert. Sie fand einen Platz in einem Frauenhaus und einen Job - das Geld daraus ließ sie eine Freundin aufbewahren, aus Angst, es selbst vielleicht wieder für den Kauf von Kokapaste auszugeben. Ihre Hauptsorge galt nun ihrem Sohn und der Zukunftsplanung. Sie erzählte uns, die Behandlung in der Ambulanz ermögliche ihr, die Kontrolle über ihr Leben zurückzubekommen.


Weibliche Häftlinge und Prostituierte stark gefährdet
Leider haben nicht viele drogenabhängige Frauen die Möglichkeit und den Zugang zu Behandlung und Unterkunft oder werden davon abgehalten. Auf der ganzen Welt werden sie von ihren Gemeinschaften ausgegrenzt und bleiben ohne Unterstützung. Obwohl Frauen und Mädchen weltweit ein Drittel aller Drogensüchtigen ausmachen, ist nur jede fünfte Person, die behandelt wird, weiblich. Frauen, die Drogen nehmen, werden oft stigmatisiert und diskriminiert. Deshalb betonte zuletzt der Bericht des Internationalen Suchtstoffkontrollrates die Notwendigkeit für eine Drogenpolitik und Drogenprogramme, die auch Frauen berücksichtigen.

Damit Drogenpolitik wirklich effektiv sein kann, müssen wir die unterschiedlichen Situationen von Männern und Frauen betrachten. Regierungen müssen die spezifischen Bedürfnisse drogenabhängiger Frauen berücksichtigen, um sicherzustellen, dass ihre Rechte und die ihrer Familien geschützt werden. Leider bleiben hier weltweit Drogenpolitik und Programme oft zurück.

Unser Bericht zeigt, dass weibliche Häftlinge und Prostituierte ein hohes Risiko für Drogenkonsum haben. In den vergangenen 15 Jahren gab es einen deutlichen Anstieg der wegen Vergehen in Bezug auf Drogen festgenommenen Frauen. Weibliche Gefangene werden viel leichter drogensüchtig als Männer. Wenn Frauen in Haft sind, wird das Familienleben oft stark beeinträchtigt.

Ein Teufelskreis aus Drogenkonsum und Sexarbeit
Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Sexarbeit und Drogenkonsum; Frauen leisten Sexarbeit, um ihre Drogenabhängigkeit zu finanzieren - und Sexarbeiterinnen nehmen Drogen, um die Prostitution zu überstehen. In vielen Teilen der Welt wird Prostituierte der Zugang zur Behandlung verwehrt, durch Stigma, Voreingenommenheit und auch Unbehagen der Frauen selbst, da Behandlungszentren vorwiegend von Männern aufgesucht werden. Drogenabhängige Frauen mit Kindern zögern auch aus Angst, man könnte sie als ungeeignete Mütter ansehen und ihnen die Kinder wegnehmen.

Eine allgemeingültige Drogenpolitik ist nicht genug. Wir brauchen eine kenntnisreichere Politik, eine effizientere Verteilung von bitter benötigten Ressourcen und Präventionsprogrammen, die speziell auf schwangere Frauen, Sexarbeiterinnen, Menschen mit HIV/Aids und Gefangene ausgerichtet sind.

All das ist notwendig, wenn wir die Gesundheit und das Wohl von Frauen schützen und verbessern wollen. Und wir müssen uns einer Lösung des weltweiten Drogenproblems nähern. Ich hoffe, dass letztendlich mehr Frauen wie Ana-Paula die Möglichkeit bekommen werden, die Kontrolle über ihr Leben zurückzubekommen. Und ich hoffe auf eine bessere Zukunft für sie und ihre Familien.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-06 12:18:05
Letzte nderung am 2017-06-06 18:49:59



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