• vom 07.06.2017, 13:15 Uhr

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Political Correctness als Instrument einer inneren Spaltung




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Von Alexandra Weiss

  • Die Frauenbewegung forderte nie nur Emanzipation, sondern auch die Umverteilung von Arbeit, Ressourcen und Macht.

Alexandra Weiss ist Politikwissenschafterin, Sozial- und Geschlechterforscherin an der Universität Innsbruck. Foto: privat

Alexandra Weiss ist Politikwissenschafterin, Sozial- und Geschlechterforscherin an der Universität Innsbruck. Foto: privat Alexandra Weiss ist Politikwissenschafterin, Sozial- und Geschlechterforscherin an der Universität Innsbruck. Foto: privat

Begriff und Geschichte der Political Correctness haftet etwas Paradoxes an - sie scheint emanzipatorisch und reaktionär zugleich und hatte in verschiedenen historischen und politischen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen. Wurde sie innerhalb der Linken oft selbstironisch eingesetzt, mutierte sie im reaktionären Klima der 1980er zum festen Bestandteil des einsetzenden 68er-Bashing, das alle emanzipatorischen Ideen im Gefolge der Studenten- und der Frauenbewegung zu diskreditieren suchte. Mit den 1990ern trat ein Wandel ein, indem sich nun zunehmend eine emanzipatorische Öffentlichkeit dieses Instruments bediente.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie Political Correctness historisch einzuordnen ist. Ihr Aufstieg hängt mit dem Ende eines sozialstaatlich regulierten Kapitalismus beziehungsweise dessen neoliberaler Transformation und den sich damit verändernden Bedingungen der Politisierung gesellschaftlicher Widersprüche zusammen. Charakteristisch ist die Artikulation - vermeintlich - gegensätzlicher Forderungen, Interessen und Ideen vor und nach diesem historischen Einschnitt: Umverteilung versus Anerkennung, Sozial- versus Kulturkritik, Gleichheit versus Freiheit.

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Während eine Politik der sozialen Gleichheit den alten sozialen Bewegungen zugeordnet und in Gewerkschaften und Arbeiterparteien institutionalisiert wird, werden Anerkennungsfragen und Freiheitsrevolten als Ausdruck der neuen sozialen Bewegungen ab den 1960ern und 1970ern gesehen. Sie stehen für ein Ende der politischen Dominanz des sogenannten Hauptwiderspruchs zwischen Arbeit und Kapital.

Zentral stand und steht dafür die Parole: "Das Private ist politisch!" Diese jedoch allein als Kulturkritik zu fassen, greift zu kurz, weil es die Verwobenheit kultureller Missachtung und ökonomischer Ausbeutung im Geschlechterverhältnis nicht erkennt. Dominant wird aber eine Kulturkritik, die sich weitgehend getrennt von Sozialkritik artikuliert. Political Correctness steht für eine "Politik der Identitäten", eine "Kulturalisierung der Politik" und die Politisierung von einst als unpolitisch betrachteten Bereichen der gesellschaftlichen Strukturierung.

Dass die beiden großen Kritikformen am Kapitalismus in dieser historischen Situation gegeneinander in Stellung gebracht werden konnten, hatte wohl mehrere Ursachen: Zum einen war es die Ignoranz der Linken gegenüber den "neuen" Fragen der sozialen Bewegungen - von Geschlechterverhältnissen über Ethnizität bis hin zu sexueller Orientierung. Zum anderen machte sich ein neuer, neoliberaler Kapitalismus Freiheitsforderungen und Praxen der Bewegungen zu eigen und deformierte sie damit - weil er aus kollektiven Handlungsformen individuelle Strategien machte. Beides schwächte die politischen Organisationen der Arbeiterschaft (Gewerkschaften und Massenparteien). Und ein ein neoliberaler Kapitalismus beschränkt auch die Vielfalt der Lebensformen, die er zu ermöglichen vorgibt.

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Dokument erstellt am 2017-06-06 13:20:05



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