• vom 09.06.2017, 15:44 Uhr

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Der Aufschrei der Lehrerin - ein Danaergeschenk




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Von Isolde Charim

  • Von echten Problemen und falschen Stimmungen.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien. Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Diese Woche hat die Wortmeldung einer Wiener Volksschullehrerin viel Staub aufgewirbelt. Unter dem Schutz der Anonymität beklagte die Frau die Zustände an ihrer Schule, wo ein Drittel der Schüler dem Unterricht nicht folgen können, weil sie keine oder unzureichende Deutschkenntnisse haben. Auch an sonstigen Fertigkeiten würde es fehlen. Das Interview schaffte es bis in die Headline von orf.at. Was löst so eine Anklage aus? Die Wirkung ist zumindest doppeldeutig.

So ein Aufschrei schafft Aufmerksamkeit für schwierige Zustände. Vor allem an sogenannten Brennpunktschulen. Man versteht, dass Lehrer hier Unglaubliches leisten müssen. Und dass sie dabei allein gelassen werden. Kein Wunder, dass sie überfordert sind.

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Zugleich soll die Schule aber alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Der Glaube an die gesellschaftsrettende Kraft der Bildung hat die Schule zu einer zentralen Institution gemacht - die zugleich dramatisch unterdotiert ist. Und jene, die das Wunder der gesellschaftlichen Konfliktlösung vollbringen sollen, die Lehrer, haben keineswegs den gesellschaftlichen Status, der ihrer Herkulesaufgabe entspricht. All diese Widersprüche brechen in der gelebten Erfahrung der anonymen Lehrerin auf.

Und dennoch hat das Interview noch eine ganz andere Wirkung. Die Ursache des Problems sieht die Lehrerin nicht bei den Flüchtlingskindern, sondern bei Kindern aus migrantischen - explizit türkischen - Familien. Das Interview kippt bei dem Satz: Auf der Strecke blieben, so die Lehrerin, "die ganz normalen Kinder, unter Anführungszeichen. Was wir halt vor dreißig Jahren unter normal verstanden haben."

Normal - das seien Kinder, die Deutsch können, die Schnecken kennen. Normal - das sind österreichische Kinder. Genauer gesagt, das was man "früher", vor dreißig Jahren, unter österreichisch verstanden hat. Diesen Kindern rät die Lehrerin zu einer Privatschule. Schweren Herzens. Aber doch.

Was also löst so ein Interview aus? Eine sachliche Debatte? Ein Drängen auf Lösungen? Vielleicht. Zugleich aber befördert es eine Stimmungslage. Da geht es noch gar nicht um die Instrumentalisierung solch einer Wortmeldung seitens der FPÖ. Da geht es um eine gesellschaftliche Stimmung, die sich dann so äußert: "Hier wird unser Untergang eingeleitet." Oder so: "Sollen die doch zurückgehen. Von uns wird nur genommen." Zwei Zitate von vielen aus den Social Medias zu dem Fall.

Ja, in den Schulen gibt es Missstände. Ja, die Lehrer brauchen dringend Unterstützung, finanzielle und personelle. Vor allem jene Schulen, die die größte gesellschaftliche Aufgabe zu leisten haben - die Schulen an den sozialen Brennpunkten. Diese müssten besonders dotiert und unterstützt werden. Aber damit das geschieht, braucht es einen gesellschaftlichen Konsens. Den Konsens, dass alle Kinder unterstützt werden müssen, dass jedes Kind zählt. Nicht nur die "normalen".

Insofern ist so ein Interview nicht nur Hinweis auf reale Missstände und Ruf nach nötiger Hilfe, sondern zugleich (und unabhängig von der Intention der Lehrerin) befördert es eine Stimmung - genau jene Stimmung, die die Lösung des Problems verhindert. Ein Danaergeschenk.




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Dokument erstellt am 2017-06-09 15:47:11



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