• vom 21.06.2017, 15:00 Uhr

Gastkommentare

Update: 21.06.2017, 15:11 Uhr

Gastkommentar

Plädoyer gegen postmoderne Toleranz




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Von Zoltan Peter

  • Nicht die Toleranz an sich, sondern ihre zu hohen oder zu niedrigen Ausprägungen können tatsächlich zum Problem werden.

Ein naiver Umgang mit dem Thema wird Flüchtlingsaktivisten mitunter vorgeworfen. - © afp/John Thys

Ein naiver Umgang mit dem Thema wird Flüchtlingsaktivisten mitunter vorgeworfen. © afp/John Thys



Zoltan Peter ist Soziologe, derzeit leitet er das Projekt "Toleranzkompass Jugendliche", und gemeinsam mit L&R Sozialforschung sowie dem Institut für Soziologie in Wien das Projekt "Integrationsthema Toleranz".

Zoltan Peter ist Soziologe, derzeit leitet er das Projekt "Toleranzkompass Jugendliche", und gemeinsam mit L&R Sozialforschung sowie dem Institut für Soziologie in Wien das Projekt "Integrationsthema Toleranz". Zoltan Peter ist Soziologe, derzeit leitet er das Projekt "Toleranzkompass Jugendliche", und gemeinsam mit L&R Sozialforschung sowie dem Institut für Soziologie in Wien das Projekt "Integrationsthema Toleranz".

Die Zeitschrift "Biber" hat vor etwa einem Jahr unter dem Titel "Die Österreicher sind zu nett" ein Interview mit der vor fünf Jahren aus Afghanistan nach Wien geflüchteten Journalistin Tanya Kayhan veröffentlicht. Sie trat im Gespräch dafür ein, dass Wertekurse für afghanischen Flüchtlinge nach strengeren Regeln und früher einsetzen sollten, weil diese eine Aufklärung über die Werte westlicher Gesellschaften dringend notwendig hätten.

Am 12. April kritisierte Roland Fürst im "Standard" unter dem Titel "Toleranz ist Ausfluss eines Schuldkomplexes" die zu liberale Zugangsweise vieler Intellektueller und Linker zur Flüchtlingsfrage.

Beide Akteure (die unterschiedlicher nicht sein könnten) verlangen mehr Strenge und Konsequenz in der Flüchtlingsfrage. Sie treten damit, teils explizit und teils implizit, für das Überdenken der multikulturalistischen zugunsten einer strengeren, begrenzten Toleranz ein. Und das ist insbesondere im Fall der vor kurzem eingewanderten Journalistin Kayhan interessant, weil ihr Verlangen nach mehr Strenge einer Einstellung entspricht, die üblicherweise der Mehrheitsgesellschaft, speziell den Vertretern des "Leitkulturansatzes" zugerechnet wird.

Sie empfindet "die Österreicher" als "zu nett". Sie sind jedoch nicht nur nett, sondern auch kritisch. Das Problem dabei ist, dass dieses Kritisch-Sein in der überwiegenden Zahl der Fälle auf das "Eigene" und seltener auf das "Fremde" abzielt. Das heißt, dieses Kritische zielt nicht auf die gesamte, kulturell und ethnisch vielfältige Gesellschaft ab, in der wir in Österreich leben, sondern überwiegend auf die Bevölkerung deutscher Muttersprache. "Die Österreicher" und "die Deutschen" sind scheinbar unsachlich in dieser Frage. Und das war bisher (im 20. Jahrhundert) eine (historisch bedingte) notwendige und beachtenswerte selbstkritische Haltung. (Bei den fremdenfeindlichen Österreichern verhält es sich natürlich umgekehrt, sie kritisieren nur die Fremden. Aber sie und die Fremden stehen diesmal nicht zur Debatte.) Wenn schon, dann nicht die Toleranz an sich, sondern ihre zu hohen und zu niedrigen Ausprägungen können tatsächlich zum Problem werden.

Humanistische "Nettigkeit" vs. begrenzte Respekttoleranz

Die aktuellen Ergebnisse unseres laufenden Wissenschaftsprojekts zum Thema Toleranz unterstützen auf alle Fälle die Vermutung, dass es viele multikulturalistisch eingestellte, weltoffene Österreicherinnen und Österreicher gibt. Im Detail sieht es aber ein bisschen anderes aus. Eine erhebliche Mehrheit der unlängst befragten 350 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 15 und 20 Jahren (aus unterschiedlichen Ländern) steht für eine begrenzte, reflektierte Respekttoleranz und zweithäufigst für den multikulturalistischen Toleranztypus.

Die Korrelationen sagen uns Folgendes: Der Hang zur multikulturalistischen oder postmodernen, in den öffentlichen Debatten oft als "falsch" benannten Toleranz besteht eher bei Schülerinnen und Schülern, deren Eltern besser ausgebildet sind, die sich in Österreich zu Hause fühlen, älter und kunstinteressiert sind.

Auf den ersten Blick erscheinen diese Ergebnisse positiv und erfreulich, und grundsätzlich sind sie das auch. Zugleich fragt man sich, ob die Einstellungen dieser Bildungsschicht sich auf Dauer bewähren, ob sie nachhaltig sind. Denn diese Jugendlichen sind oft derart humanistisch und "nett", dass sie kaum einer Lebenspraxis kritisch begegnen können oder wollen. Es gibt für sie (bis auf einige extrem negative Vorurteile oder absolute No-Gos wie zum Beispiel Rassismus, Antisemitismus und Fundamentalismus) kaum eine Lebensform, die ihnen nicht als positiver Beitrag zur gesellschaftlichen Vielfalt und Entwicklung vorkommen würde.

Gewaltfreie Konfliktregelung und Political Correctness

Toleranz ist ein Mittel zur gewaltfreien Konfliktregelung. Ihre multikulturalistische, äußerst konfliktscheue Version ist ein Nebeneffekt der postmodernen Theorie sowie der Political Correctness. Es lässt sich festhalten: Wenn es ein allgemeines gesellschaftliches Toleranzproblem gibt, so liegt das in einer zu niedrigen Toleranz auf der einen und in einer zu hohen auf der anderen Seite. Das Problem liegt genauer gesagt darin, dass der Typus begrenzter Respekttoleranz, die als Alternative irgendwo zwischen erlaubender und multikulturalitischer Toleranz liegt, in den bis jetzt untersuchten Schulen zwar am stärksten vertreten, aber gesamtgesellschaftlich betrachtet höchstwahrscheinlich deutlich geringer vorhanden ist.

Die Variable "Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich" ist in unserer bisherigen Studie der einzige Faktor, der eine solche kritische Respekttoleranz signifikant erklärt; ein komplexer Umstand, der vieles bedeuten kann. Es lässt sich jedoch vermuten, dass bei diesem Toleranztypus beispielsweise ethnische Zugehörigkeit oder die oft überstrapazierte Zuordnung zu Gruppen mit und ohne Migrationshintergrund, wenn überhaupt, dann eine eher geringe Rolle spielen dürfte.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-21 15:05:08
Letzte nderung am 2017-06-21 15:11:45



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