• vom 21.06.2017, 15:55 Uhr

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Update: 22.06.2017, 13:12 Uhr

Gastkommentar

Autos und Messer statt "Philosophie der Bombe"




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Von Clemens M. Hutter

  • Die operative Taktik dschihadistischer Einzeltäter macht den Terrorismus gefährlicher und seine Abwehr schwieriger.

Clemens M. Hutter war Chef des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".

Clemens M. Hutter war Chef des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".

© privat

Clemens M. Hutter war Chef des Auslandsressorts bei den "Salzburger Nachrichten".

© privat

Im Brüsseler Hauptbahnhof erschossen Sicherheitskräfte am Dienstag einen Dschihadisten, dessen Selbstmordanschlag bloß eine "kleinere Explosion" ausgelöst und niemanden verletzt hatte. Dieses jüngste Attentat in einer blutigen Serie steht offensichtlich in Zusammenhang mit dem Aufruf des IS vom September 2014 an die Muslime, "Ungläubige, die gegen uns Krieg führen, auf jede erdenkliche Art und ohne großen logistischen Aufwand zu töten".

Das leitete eine operative Wende des islamistischen Terrorismus ein.

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Im Juni 2016 erstach ein Islamist den Polizeichef einer Kleinstadt bei Paris, nahezu gleichzeitig ging ein Dschihadist in einem Regionalzug bei Würzburg mit Axt und Messer auf die Passagiere los und verletzte fünf Personen schwer. Im Juli 2016 tötete ein Islamist mit einem gestohlenen Lkw 86 Menschen, ein anderer raste in Berlin mit einem Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt und brachte zwölf Personen um. Im März 2017 überfuhr ein Islamist auf einer Londoner Brücke mit einem Mietwagen drei Passanten und erstach auf der Flucht einen Polizisten, vor drei Wochen gingen drei weitere Dschihadisten in London genauso vor, mit sieben Toten und 48 Verletzten.

Alle diese Attentäter wurden nach den Anschlägen von Sicherheitskräften erschossen. Und alle Gewalttaten entsprachen der Anweisung des IS, keinen großen logistischen Aufwand zu treiben. Ein Fahrzeug kann jeder Kleinkriminelle stehlen, ein Messer findet sich in jeder Küche. Die Logistik des Einzeltäters endet also damit, ein lohnendes Ziel auszumachen und den Zeitpunkt festzulegen. Dazu braucht er weder ein terroristisches Netzwerk noch Mittäter. Das bringt operativ den Vorteil, in der Planungsphase keine Spuren zu hinterlassen. Der Täter kommuniziert weder im Internet noch via Handy mit anderen Dschihadisten, kann also nicht abgehört werden. Er fällt auch nicht damit auf, dass er die Komponenten für Sprengstoff ganz legal im Handel erwirbt und gemäß online verbreiteten Bauplänen Bomben bastelt. Auch verzichtet er auf große Sprüche und wird daher in der städtischen Anonymität von seiner Umgebung als "unauffälliger Nachbar" wahrgenommen. Niemand weiß, dass er sich - warum auch immer - zum gewaltbereiten Dschihadisten radikalisiert hat.

Zum Vergleich die spektakulären Terrorakte seit Jänner 2015: koordiniertes Attentat auf das Satireblatt "Charly Hebdo", gleichzeitig Angriff auf fünf Ziele in Paris; Anschläge in Brüssel und Manchester mit zusammen 189 Todesopfern. Das brauchte erheblichen logistischen Aufwand und terroristische Netzwerke im Gegensatz zu den Einzeltätern, die 109 Menschen umbrachten.

Einst legten es etwa die Baader-Meinhof-Bande oder die italienischen Rotbrigadisten strategisch darauf an, Repräsentanten der Gesellschaft umzubringen, um einen politischen Wandel zu provozieren. Hingegen hat die arabische Strategie, einfach maximale Opfer an Menschen und Material anzurichten, auch in Europa und den USA Schule gemacht. Die dschihadistische Strategie setzt zwar noch auf maximalen Schaden, ersetzt aber die "Philosophie der Bombe" allmählich durch Autos und Messer als Kampfmittel. Damit wird Terrorismus noch weniger berechenbar und die vielfach gelungene Abwehr schwieriger.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-21 15:59:06
Letzte ─nderung am 2017-06-22 13:12:09



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