• vom 03.08.2017, 12:47 Uhr

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Update: 07.08.2017, 11:48 Uhr

Gastkommentar

Im falschen Film




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Von Michael Wimmer

  • Warum die sympathische Erzählung Christian Kerns über seine einfache Herkunft das Gegenteil von dem bewirken könnte, was seine Personal Shapers beabsichtigt haben.

Michael Wimmer ist Geschäftsführer des unabhängigen Instituts
Educult in Wien (www.educult.at).

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© privat Michael Wimmer ist Geschäftsführer des unabhängigen Instituts
Educult in Wien (www.educult.at).
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Vor einiger Zeit hat der SPÖ-Vorsitzende und Bundeskanzler Christian Kern ein Video veröffentlicht, das von seiner Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen aus dem traditionellen Wiener Arbeiterbezirk Simmering berichtet. Wir erfahren von seinen jugendlichen Anfängen, die alles andere als einfach waren: die Mutter hat sich "einen Haxn ausgerissen", auf dass es dem kleinen Christian einmal besser geht. Und der hat die Chance ergriffen, ist die soziale Stufenleiter konsequent hinaufgestürmt und versteht sich heute mit Angela Merkel und Papst Franziskus als führende Global Players auf Du und Du.

Er sei mit den Fernsehbildern Bruno Kreiskys aufgewachsen, erzählt Christian Kern. Mit dessen Anspruch auf umfassende Chancengleichheit verweist er noch einmal auf ein gesellschaftspolitisches Reformprogramm, das vor allem den Beginn der sozialdemokratischen Alleinregierung ab 1970/71 getragen hatte. Und ja, ein nostalgischer Blick in die Dokumente macht deutlich, dass die Übernahme der Regierungsverantwortung der SPÖ verbunden war mit der Hoffnung, die überkommenen Klassenschranken zu überwinden, um mit einem Bündel an sozial- bildungs-, familien- oder rechtspolitischen Maßnahmen - eine umfassende Vermittelständigung der österreichischen Gesellschaft herbeizuführen. Ermöglicht durch ein stetiges Wirtschaftswachstum sollte die Umverteilung sowohl materieller als auch ideeller Güter ("Kultur für alle") die Chancen für alle bislang Benachteiligte nachhaltig erhöhen und zu einer solidarischeren und gerechteren Gesellschaft führen. Die im sozialpartnerschaftlichen Korsett gut eingebetteten Konservativen ließen sich ihre politische Demütigung solange gefallen, solange es für alle genug zu verteilen gab.

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Wenn sich Christian Kern 2017 in seinem Video-Selfie noch einmal auf Kreiskys Reformpolitik bezieht so ist das dank seiner eigenen Erfolgsgeschichte nur zu verständlich. Immerhin ist er ein geradezu idealtypischer Nutznießer der sozialen Integrationspolitik der SPÖ-Alleinregierung. Er reiht sich dabei ein in eine Reihe von AufsteigerInnen, die es wie er aus depravierten Verhältnissen heraus geschafft haben, führende Positionen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft einzunehmen.

Sind die Aufsteiger von gestern die Sozialverräter von heute?
Irreführend wird die Geschichte, wenn diese Erinnerung an eine politische Strategie gesellschaftlicher Harmonisierung an den Ausläufern der Nachkriegszeit unberücksichtigt lässt, dass sich die gesellschaftspolitische Großwetterlage mittlerweile grundlegend geändert hat. Man muss nicht so weit gehen wie der französische Soziologe Didier Eribon, der in seiner Autobiographie "Rückkehr nach Reims" den Aufsteigern der 1970er Jahren umfassenden Sozialverrat vorgeworfen hat, weil sie als mittlerweile abgehobene Figuren jeden Kontakt mit den Mitgliedern des sozialen Milieus verloren hätten, dem sie selbst angehören (Dieser Einschätzung anhand der zunehmend nepotistischen Verhältnisse etwa in der SPÖ-Wien genauer nachzugehen, wäre sicher ein lohnendes Unterfangen).

Entscheidender ist möglicherweise der Befund, dass die sozialdemokratischen Reformbemühungen spätestens in den 1990er Jahren an ihre Grenzen gekommen sind. Alle sozialwissenschaftlichen Analysen deuten darauf hin, dass die geänderten Machtverhältnisse innerhalb einer transnational organisierten Ökonomie (und Finanzwirtschaft) die sozialen Differenzen nicht verringern sondern zunehmend verstärken. Demgegenüber erscheint jedwede nationale Politik immer weniger in der Lage zu sein, den desintegrativen Konsequenzen erfolgreich entgegen zu wirken. Wohl wenig überlegt hat Christian Kern in einem anderen Video darauf Bezug genommen, wenn er sich selbst als Pizza-Bote verkleidet, der fast idealtypisch die Rückkehr prekärer Beschäftigungsverhältnisse repräsentiert (Der Historiker und Germanist Christoph Bartmann hat dazu in "Die Rückkehr der Diener - Das neue Bürgertum und sein Personal" einiges zu erzählen.

Die Menschen verlieren den Glauben an den individuellen Aufstieg
Das spezifisch politische Problem, das damit angesprochen wird, liegt weniger im Umstand, dass es nach wie vor benachteiligte Menschen gibt, die es ganz offensichtlich in den letzten 40 Jahren nicht geschafft haben, aufzusteigen. Es liegt vor allem darin, dass sie nach all den Jahren zunehmend selbstläufigen sozialdemokratischen Regierens in ihrer Mehrheit nicht mehr daran glauben, es Christian Kern noch einmal gleich tun zu können um doch noch aufzusteigen. Ihnen fehlt zunehmend das Vertrauen in die Politik, diese könnte ihnen mit dem bestehenden Instrumentarium ausgerechnet jetzt den Weg zu mehr Chancengleichheit verhelfen. Stattdessen begeben sie sich mit ihren rechtspopulistischen Einflüsterern lieber auf die Suche nach den Schuldigen, die ihnen in Gestalt von Migranten und Flüchtlingen einen Platz bestenfalls am Rande der Gesellschaft zuweisen würden.

Die SPÖ der 1970er Jahre stand für das Ende einer unversöhnlichen Klassengesellschaft, in der Absicht, auch den bislang abseits stehenden ArbeiterInnen den Weg in die bürgerliche Mitte zu weisen. Heute finden wir uns wieder in einer vielfach sozial, ethnisch, kulturell, religiös und nach unterschiedlichen Lebensstilen (Konsumverhalten) aufgesplitterten Gesellschaft, hinter der sich zunehmend deutlich wieder die Fratze der Klassentrennung zeigt ("Mit Leistung lässt sich heute kein Wohlstand mehr erwerben").

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-31 13:57:06
Letzte Änderung am 2017-08-07 11:48:47



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