• vom 01.08.2017, 13:13 Uhr

Gastkommentare

Update: 01.08.2017, 17:15 Uhr

Banken

Die soziale Komponente von Krediten




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Von Holger Blisse

  • Gastkommentar: Der Wandel der Bankfunktion fügt sich ein in die gesellschaftliche Transformation in Richtung Markt und Konkurrenz.

Holger Blisse ist Lehrbeauftragter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

Holger Blisse ist Lehrbeauftragter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

Holger Blisse ist Lehrbeauftragter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.


Es ist noch gar nicht so lange her, dass Zinssätze für Kreditinstitute mittels Verordnung vorgegeben waren. Mit der Deregulierung, der Hinwendung zum Markt und seinen alternativen Finanzierungsangeboten wie Firmenanleihen statt -krediten setzte sich auch die ertragsorientierte Sicht auf Banken und Sparkassen durch. Bevor die Kreditinstitute allesamt abgewickelt sind, erscheint es angebracht, eine rein erwerbswirtschaftliche Sicht auf diesen Finanzintermediär zu ergänzen.

In der Niedrigzinsphase, in der Einleger keine Zinsen bekommen und Kredite zu niedrigen Zinssätzen vergeben werden, besteht nicht nur die Gefahr, dass Einleger auf alternative Anlageformen ausweichen, es mag sogar beabsichtigt sein: Der Renditeaspekt tritt in den Vordergrund, der Bereitstellung von Bankkrediten fehlen die Einlagen. Eine Alternative bieten für die Kapitalsuchenden Marktplätze wie Crowdfundingplattformen oder Emissionen von eigenen Anleihen - gedacht sowohl für Investoren als auch für Kleinanleger.

Der Wandel der Bankfunktion fügt sich nahtlos ein in die eingeleitete gesellschaftliche Transformation in Richtung Markt, Konkurrenz und Wettbewerb. Es bietet durchaus Vorteile, selbst zu bestimmen, welches Projekt gefördert wird. Doch kann das Risiko richtig eingeschätzt werden, und ist der Schadensfall (einlagen)gesichert?

Ethisch-ökologisch-soziale Kreditinstitute prüfen das Risiko und erlauben es ihren Einlegern, einen Verwendungszweck, etwa eine bestimmte Branche, zu definieren. Diese Banken veröffentlichen die Kredite und machen transparent, wohin die Gelder tatsächlich fließen. Ob die Bank selbst als ein Marktplatz aufgefasst wird oder ein eigener Markt für Projektkredite ersatzweise entsteht, erscheint funktional zweitrangig. Doch eine Perspektive geht verloren, wenn man der Marktlösung den Vorrang einräumt.

Betrachten wir es einmal aus der Position eines Einzel- oder Familienunternehmens, der einen Kredit braucht. Die Eigentümer werden ohnehin darauf bedacht sein, ihre Unabhängigkeit zu wahren, eigenes Geld im Unternehmen zu veranlagen oder Kunden als Darlehensgeber direkt einzubinden, wie dies früher auch bei den Konsumgenossenschaften der Fall war oder heute noch bei den deutschen Wohnungsgenossenschaften ist, die eine Spareinrichtung angegliedert haben. Dann gibt es keinen Überschuss aus der Intermediation - als Differenz zwischen Einlagen- und Kreditzins. Es fällt vielleicht eine Provision für die Vermittlung über den Markt an, bei der Direktansprache fehlt auch sie.

Eine Kreditaufnahme bei einem Kreditinstitut bedeutet immer, dass ein Teil des unternehmerischen Erfolgs an einen Kapitalgeber abfließt, der nicht zwingend in einer persönlichen oder Kundenbeziehung zum Unternehmen steht. Der Zinsüberschuss trägt mit dazu bei, die Kosten des Kreditinstitutes zu decken, eine Ausschüttung an die Eigentümer zu leisten und Reserven zu bilden als Risikopuffer für mögliche Kreditausfälle. Dies ist eine einzelwirtschaftliche Perspektive.

Wenn wir ein Kreditinstitut als den Ort identifizieren, der dem Konsum entzogenes Kapital (Einlagen), oft aus einem unselbständigen Arbeitseinkommen stammend, Investitionsmöglichkeiten zuführt, dann speist sich der Erfolg für das Kreditinstitut aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Bereitschaft der unternehmerischen Kreditnachfrage, auf diesen Kapitalbeitrag zurückzugreifen. Der Überschuss eines Kreditinstitutes, der in die Rücklagen eingestellt werden kann, ist seiner Herkunft nach das Ergebnis davon, dass Unternehmen auf einen Teil ihres Erfolges - vermittelt über den Zins als Preis für vorübergehend überlassene Zahlungsmittel - zugunsten des Kreditinstitutes und seiner Einleger verzichten und diesen abgeben.

Rechtzeitig ein Bewusstsein schaffen und gegensteuern

Deuten wir den in den Rücklagen enthaltenen Gewinn als einen erhalten gebliebenen Anteil am Erfolg der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, so stellen die Reserven eines Kreditinstitutes etwas sehr Soziales, im Sinne einer Zusammenführung von Einzelbeiträgen, dar. Umgekehrt greift die Aufhebung eines Kreditinstitutes, wie sie am leichtesten in der Aktiengesellschaft (AG) gelingt, auf diese Ausdrucksform des gesellschaftlichen Reichtums zu. Dies erfahren gerade die in Richtung der AG entwickelten Genossenschaftsbanken in Europa, in denen die Reserven generationenübergreifend gedacht sind, es betrifft aber ebenso die Sparkassen.

Die privatrechtlich-genossenschaftliche und die öffentlich-rechtliche Form überwinden die immer stärker werdende Individualisierung und bilden einen über den Einzelnen und eine einzelne Generation hinausreichenden - regionalen - Kapitalstock.

Der vom gegenseitigen Vertrauen und vielen sozialen Beziehungen abgeleitete Begriff des Sozialkapitals findet in den Reserven eines Kreditinstitutes einen monetarisierten Ausdruck. Ersetzt der Markt beziehungsweise ein Unternehmen selbst die Bankfunktion, so greifen beide auf dieses Sozialkapital zu und heben eine weitere Institution des gesellschaftlichen Zusammenhaltes zu ihrem individuellen Vorteil und mit neuen Beziehungsformen auf. Dies könnte in der Richtung gelesen werden, dass sich innergesellschaftliche Verteilungskämpfe weiter verstärken. Hier gilt es, rechtzeitig ein Bewusstsein zu schaffen und gegenzusteuern, solange noch genügend (H)Orte dieses über die Zeit gewachsenen "gesellschaftlichen Reichtums" existieren.

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Schlagwörter

Banken, Kredite, Reichtum, Armut

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-01 13:18:11
Letzte ─nderung am 2017-08-01 17:15:47



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