• vom 10.08.2017, 15:15 Uhr

Gastkommentare

Update: 10.08.2017, 16:08 Uhr

Gastkommentar

Nur gut gemeint, aber nicht gut gemacht?




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Von Wolfgang Glass


    Migranten nach der Ankunft in Malaga: Wer soll sich wie um ihre Sicherheit kümmern? - © apaWeb / Reuters - Nazca

    Migranten nach der Ankunft in Malaga: Wer soll sich wie um ihre Sicherheit kümmern? © apaWeb / Reuters - Nazca

    Die anhaltende Flüchtlingskrise - derzeit wieder verstärkt im Mittelmeer - sollte auch Anlass sein, die Tätigkeiten von humanitären Hilfsdiensten unter die Lupe zu nehmen. NGOs sind wichtig, zweifelsfrei, aber es gibt Entwicklungen, die nachdenklich machen müssen, und Kritik muss gehört werden dürfen, auch wenn es um den hart umkämpften Spendenmarkt geht.

    Millionen leben schon seit Jahrzehnten in Lagern. Es ist also nichts Neues, nur derzeit eben sichtbarer. Manche Lager existieren seit 20 Jahren (Kenia), 30 Jahre (in Pakistan, Algerien, Sambia und um Sudan) oder seit mehr als 60 Jahren (Nahost). Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl derer, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, auf 125 Millionen verdoppelt. Immer öfter kann keine adäquate Hilfe geleistet werden, und Menschen (die UNO rechnet mit bis zu 700 Millionen) bleiben auf sich alleine gestellt.

    Information

    Wolfgang Glass ist Politologe und Personalberater in Wien.

    Fehlendes Geld wird oft als Hauptproblem genannt - der Bedarf an Nothilfe hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, während das Spendenaufkommen gleich geblieben ist. Doch kann mit den vorhandenen Geldern nicht mehr erreicht werden? Wie auch in anderen Bereichen könnte es auch im humanitären "Geschäft" eine Systemkrise geben. Die Krisen weltweit haben zuletzt massiv zugenommen, in manchen Ländern sind kaum Strukturen vorhanden, um monetäre Hilfen kanalisieren zu können, und Betroffene werden nur schlecht erreicht.

    Eine Armee an Hilfsorganisationen kämpft um Aufträge, mit unterschiedlichen Ideen, Methoden oder Prioritäten, und viele arbeiten eher nebeneinander als miteinander. Hilfe, die am eigenen Gutdünken orientiert ist und nicht an koordinierten Zielen, verursacht eher Durcheinander, als dass Not gelindert wird. Erschwerend dabei ist die hohe Zahl an bürokratischen Hürden und nachfolgenden Kontrollmechanismen. Auch sind die meisten NGOs von sich selbst überzeugt, genau zu wissen, woran es mangelt, und fragen kaum bei den Betroffenen nach deren Bedürfnissen nach.

    Aus diesem Grund kommen kaum Hilfsgelder bei lokalen Hilfsorganisationen an, obwohl genau diese wüssten, woran es tatsächlich mangelt. Darüber hinaus wären es auch sie, die in Gebiete kämen, in die sich westliche Hilfsorganisationen kaum hineintrauen. Auch die zweckgebundenen Hilfen direkt von Staaten scheinen nicht nachvollziehbar. Die Hälfte der Nahrungsmittelhilfen der USA besteht aus US-Produkten, statt Waren vor Ort einzukaufen. Eine schöne Exportsubvention, könnte man sagen.

    Verflechtung von Kommerz und humanitärer Hilfe

    Auch die immense Verflechtung von Kommerz und humanitärer Hilfe ist enorm gestiegen. Im Jahr 2016 war Ikea mit 32 Millionen Euro der größte private Spender. Das Unternehmen lieferte etwa hochwertige Zelte. Das UNHCR ist zwar offiziell eine UN-Organisation, doch die USA übernehmen 40 Prozent der Budgets (7 Milliarden Euro), Deutschland, Schweden und Japan den Rest. Das Geld wird aber nicht mehr und die Not nicht weniger. Man versucht nun noch mehr, die Privatwirtschaft ins Boot zu holen, was auch nicht schlecht ist, aber eben auch Risiken birgt.

    Humanitäres Engagement ist ein richtiger Beruf geworden. Ikea kümmert sich um Unterkünfte, UPS ist für die Logistik zuständig, Google für den Schulunterricht. Zweifelsfrei eine gute Sache, doch es gilt manches kritisch zu hinterfragen. Was ist, wenn Firmen neue Materialien testen möchten? Wer prüft dies? Könnte mancher Konzern Steuervorteile bekommen, weil sonst etwaige Hilfszahlungen ausbleiben könnten?

    In einem jordanischen Flüchtlingscamp kaufen die Flüchtlinge per Augenaufschlag mit Iris-Scan im Supermarkt ein. Das UNHCR hat dort für jeden Flüchtling ein digitales Konto bei einer jordanischen Bank eingerichtet, auf dem umgerechnet 50 Euro pro Monat für Einkäufe verfügbar sind. Oft gibt es auch keine Lebensmittelpakete mehr, sondern Supermärkte, die den informellen "selbstverwalteten" Handel mit Essen regeln. Doch wäre es nicht sinnvoller, den Flüchtlingen beizubringen, wie sie selbst ein Geschäft eröffnen, um dann so den Handel in die eigene Hand nehmen zu können? So versteht niemand, wozu man eigentlich noch arbeiten muss, wenn man von einer Bank Geld erhält, ohne etwas geleistet zu haben.

    Dabei wären die Menschen mit Sicherheit in der Lage und auch willens, sich mit tatkräftiger Hilfe langfristig selber zu organisieren, statt ständig nur Bittsteller zu sein. Das UNHCR bestätigt zwar nicht offiziell den massiven Einfluss der USA oder mancher Sponsoren auf seine Arbeit, doch ist hinter vorgehaltener Hand sehr wohl zu hören, dass dort geholfen wird, wofür Gelder gewährt werden, und nicht dort, wo es vielleicht am drängendsten wäre.

    Hilfsorganisationen leisten einen großen Beitrag bei der Bewältigung von Krisen. Und der Einwand, dass nicht nur immer mehr an Geld auch bessere Hilfe ist, soll die Arbeit der NGOs nicht schlechtmachen. Sie müssen sich aber auch selbst hinterfragen, ob beispielsweise gewisse Rettungsaktionen im Mittelmeer so oder eben anders besser ausgehen könnten.

    Es geht um Menschenleben, das geht manchmal in der Diskussion unter. Man kann nicht mit dem moralischen Holzhammer gegen jeden vorgehen, der scheinbar Gutes in Frage stellt. Ein effizienteres System zu schaffen bedeutet auch, dass man mehr Menschen retten kann. Wie viel mehr Anreiz kann es noch geben?

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-08-10 15:21:11
    Letzte ńnderung am 2017-08-10 16:08:35



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