• vom 16.08.2017, 13:23 Uhr

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10.000 syrische Babys - geboren in einem anderen Land




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Von Maysoon Mohammad Khalaf Al-Hijazat


    Ein Neugebordenes in der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen im jordanischen Irbid. - © MSF/Dibarah Mahboob

    Ein Neugebordenes in der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen im jordanischen Irbid. © MSF/Dibarah Mahboob

    Maysoon Mohammad Khalaf Al-Hijazat ist als Hebamme und Oberschwester in der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen im jordanischen Irbid im Einsatz.

    Maysoon Mohammad Khalaf Al-Hijazat ist als Hebamme und Oberschwester in der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen im jordanischen Irbid im Einsatz.© MSF/Dibarah Mahboob Maysoon Mohammad Khalaf Al-Hijazat ist als Hebamme und Oberschwester in der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen im jordanischen Irbid im Einsatz.© MSF/Dibarah Mahboob

    In der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen in der jordanischen Provinz Irbid - 15 Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt - sind in vier Jahren rund 10.000 Babys zur Welt gekommen. Die meisten haben syrische Eltern. Sie gehören zu einer Generation, die das Land ihrer Herkunft nie gesehen hat. Vor den Kindern liegt eine Zukunft mit großen Herausforderungen. Laut Schätzungen der jordanischen Behörden leben insgesamt mehr als eine Million Flüchtlinge im Land.

    Im Laufe der Jahre habe ich hunderte Notfälle erlebt. Aber es gab eine Patientin, die ich nie vergessen werde. Als sie zu uns kam, war sie schwanger. Sie hatte beide Beine verloren, weil sie in Syrien auf eine Mine getreten war. Es war sehr schlimm für uns alle, die arme Frau so zu sehen. Aber wir zwangen uns, die Fassung zu bewahren, so als wäre sie nur eine gewöhnliche Patientin, die zur Vorsorgeuntersuchung kam. Wegen ihres Zustandes gab es bei der Geburt Komplikationen. Leider hat ihr Baby nicht überlebt.


    Dies ist eine extrem tragische Geschichte aus der Geburtsklinik in Irbid. Doch auch die meisten anderen Schicksale der Patientinnen zeigen, wie problematisch die Lage der syrischen Flüchtlinge in Jordanien ist und welche Sorgen sie sich um ihre Zukunft machen.

    Basma L. (Name geändert) aus Syrien ist 20 Jahre alt. Sie lebte im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari, als sie schwanger wurde. Dort wollte sie ihr Kind nicht zur Welt bringen. Darum zog sie mit ihrem Ehemann an den Stadtrand von Irbid. Die beiden hatten große Mühe, Arbeit zu finden, und es war noch schwieriger, Zugang zu medizinischen Untersuchungen und Medikamenten zu bekommen.

    Die meisten syrischen Familien, die nach Jordanien geflohen sind, können Gesundheitsleistungen in privaten Kliniken nicht bezahlen. Dort kostet jeder Besuch durchschnittlich zwischen 25 und 40 jordanische Dinar (umgerechnet 30 bis 50 Euro) - unerschwinglich für Menschen, die ohne Arbeit oder verschuldet und abhängig von der begrenzten humanitären Hilfe sind.

    Basma hörte, dass man in der Geburtsklinik von Ärzte ohne Grenzen in Irbid kostenlos behandelt wird. Wenige Monate später brachte sie dort ihr Baby zur Welt. "Ich schätze mich glücklich, dass wir trotz allem Kummer und aller Mühen ein Baby bekommen haben und unsere kleine Familie hier von unparteiischen Ärzten und Pflegekräften betreut wird", sagt sie heute.

    Als Flüchtlinge geboren
    Erwan Grillon koordiniert den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen in Jordanien. "Wir sind hier in einer einzigartigen Position", sagt er über die Geburtsklinik in Irbid. "Einerseits sehen wir, wie mit jeder Geburt ein Stück Hoffnung in die Welt kommt. Andererseits realisieren wir aber auch, dass viele Babys wohl niemals das Land ihrer Eltern sehen werden."

    Auf die rund 10.000 Babys, die seit der Eröffnung der Geburtsklinik hier zur Welt gekommen sind, werden noch Probleme bei der Identitätsfindung zukommen, meint Grillon, denn viele Patientinnen berichten, wie schwierig es ist, sich in die jordanische Gesellschaft zu integrieren.

    Aus Sicht der Behörden sind die Flüchtlinge eine große Bürde. Die Wirtschaftslage und der Zustand des Gesundheitswesens sowie die Angst vor Terrorismus sind die größten Sorgen der jordanischen Bevölkerung. "Wirtschaftlich gesehen gelten die Flüchtlinge als Eindringlinge", stellt Grillon fest. "Sie sind arm und mühen sich ab, irgendwie über die Runden zu kommen. Zugleich sehen sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine zusätzliche Last für Jordaniens Arbeitsmarkt zu sein."




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