• vom 11.09.2017, 16:37 Uhr

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Update: 12.09.2017, 11:45 Uhr

Gastkommentar

Neue Zielgebiete der Stadtentwicklung




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Von Marc Diebäcker

  • Gastkommentar: Sozial gerechtes Städtewachstum entscheidet sich in der Peripherie.

Illustration: Fotolia/j-mel

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Marc Diebäcker ist Politikwissenschafter und Sozialraumexperte mit dem Schwerpunkt soziale Stadtentwicklung am Department Soziales der FH Campus Wien.

Marc Diebäcker ist Politikwissenschafter und Sozialraumexperte mit dem Schwerpunkt soziale Stadtentwicklung am Department Soziales der FH Campus Wien.© FH Campus Wien, office@ludwigschedl.com Marc Diebäcker ist Politikwissenschafter und Sozialraumexperte mit dem Schwerpunkt soziale Stadtentwicklung am Department Soziales der FH Campus Wien.© FH Campus Wien, office@ludwigschedl.com

Wenn Städte wachsen, sind meist Wirtschaftswachstum, ökonomische Innovationen, technische Errungenschaften oder Bevölkerungszuwachs gemeint. Die Stadt selbst erscheint dann als Akteurin, die mit anderen Metropolen im Wettbewerb steht und sich als attraktives Unternehmen positioniert. Finanz- und Wissensökonomien werden gefördert, Kulturfestivals und die besondere Lebensqualität vor Ort als Visitenkarte in die weite Welt transportiert. Die vermarktete Großstadt legitimiert sich durch boomenden Städtetourismus oder einströmendes Immobilienkapital.

Diese mediale Erzählung über Urbanität folgt einem polarisierten Muster: auf der einen Seite hohe Aufmerksamkeit auf die Zentren der Stadt und öffentliche Wertschätzung zahlungskräftiger beziehungsweise kreativer Milieus - auf der anderen Seite geringe Beachtung peripherer Gebiete beziehungsweise arbeitender Milieus. Zukunftsfragen wie Klimaschutz, lebenswerte Siedlungsstrukturen und soziale Lebensqualität dürfen sich aber nicht auf alternative Milieus in hippen Stadtvierteln beschränken. Eine technisch-innovative und nachhaltige Entwicklung der Metropolen wird in den äußeren Lagen entschieden. Mit einer internationalen Konferenz zu Städtewachstum und Lebensqualität rückt die FH Campus Wien diese Randbezirke erstmals ins Zentrum.

Neuer Fokus auf die Arbeiterviertel

In New York, London oder Wien - es sind die in der Industrialisierung entstandenen Arbeiterviertel, die nun zu bedeutsamen Zielgebieten der Stadtentwicklung werden. Bis heute sind sie die Aufnahmequartiere der Großstadt, in denen viele Zugewanderte aus dem In- und Ausland ihren Platz in der Stadt finden.

Diese Flächenkapazitäten sind die große Hoffnung, um den rapid ansteigenden Wohnungsbedarf zu befriedigen. Unter dem Stichwort "städtebauliche Nachverdichtung" werden dort, wo noch Platz ist, neue Gebiete erschlossen. Wohnbau und Bürogebäude auf ehemaligen Hafengebieten wie in Hamburg oder auf Bahnhöfen wie in Wien sind in aller Munde.

Kommunen sind bei meist knappen Budgets herausgefordert, die öffentliche und soziale Infrastruktur auszubauen sowie eine qualitätsvolle Planung und Bebauung sicher zu stellen. Und ein meist angespannter Wohnungsmarkt mit stetig steigenden Mieten in den Innenstädten bewegt auch Mittelschichtmilieus in urbanere Randlagen, die sie früher eher gemieden haben. Im internationalen Vergleich wird deutlich: Peripherisierung findet auf ganz unterschiedliche Weise statt, und vielfältige Lebensstile rücken näher zusammen.

Soziale Gerechtigkeit und staatliche Verantwortung

Aus Sicht der Sozialen Arbeit und einer gerechten Stadtteilentwicklung ist es gerade in den neuen Zielgebieten wichtig, den Blick auf die Lebensqualität der Bewohner zu richten. Es gilt die Lebensbedingungen und Bedarfe derjenigen zu verstehen und zu sichern, die schon jetzt dort leben. Denn Nachverdichtung darf nicht zur Abwertung der Lebensweisen oder Verdrängung von bereits wohnhafter Bevölkerung führen.

Information

International Conference on Working Class Districts Internationale Konferenz zu Städtewachstum und Lebensqualität mit öffentlichen Podiumsdiskussionen
14. und 15. September, FH Campus Wien
Details & Info:
www.fh-campuswien.ac.at/international-conference

Wenn Menschen dichter zusammenleben, sind die öffentlichen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur wie Schulen und Kindergärten sowie soziale Dienste wie gut zugängliche Jugend- und Stadtteilarbeit unverzichtbar. Unbürokratische soziale Dienstleistungen im Sozial- und Gesundheitswesen sichern soziale Rechte und kulturelle Teilhabe aller Bewohner. Internationale Beispiele zeigen auch, dass leistbares Wohnens oft nur mittels Stärkung des sozialen Wohnungsbaus und besseren Delogierungsschutzes zu garantieren ist.

Eine nachhaltige Verdichtung der Arbeiterbezirke kann nur gelingen, wenn Projekte partizipativ und kooperativ erfolgen und Raum für Experimentelles entsteht. Planungsprojekte, Bauvorhaben oder Technologietransfer sind als gegenseitige Bildungsprozesse zu verstehen, in denen Akzeptanz nur über Dialog erreicht wird. Respekt vor Wissen und Erfahrungen der Menschen vor Ort ist die Voraussetzung, um Unsicherheiten verstehen und Interessenskonflikte auf Augenhöhe diskutieren zu können.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-11 16:42:08
Letzte ńnderung am 2017-09-12 11:45:50



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