• vom 11.09.2017, 18:07 Uhr

Gastkommentare

Update: 12.09.2017, 11:44 Uhr

Gastkommentar

Die ökonomische Reformation




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Von Ulrich Duchrow

  • Was würde wohl Martin Luther zur heutigen Wirtschaft sagen?





Schon Martin Luthers 95 Thesen, die als Auftakt der Reformation angesehen werden, wenden sich gegen die Käuflichkeit des Heils und damit gegen die Gesamtzivilisation des Frühkapitalismus, die sich anschickt, alle Lebensgebiete zu erobern - bis hin zur Religion. ("Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.")

Luther hat aber auch drei ausführliche Schriften speziell zu wirtschaftlichen Problemkreisen geschrieben, insbesondere zum Zinsproblem (Wucher) und zu den im Frühkapitalismus entstehenden länderübergreifenden, monopolistischen Handels- und Bankgesellschaften (Fugger, Welser und anderen), die ihrerseits tief in die Politik und Kirchenpolitik ihrer Zeit (gegen die Reformation) verstrickt waren.

Information

Reformationstagung und Burgfest
Burg Landskron in Kärnten
16. und 17. September
Info und Anmeldung:
www.widl.community
www.radicalizing-reformation.com

Die eigentliche, oft nicht gesehene Pointe in diesen Schriften ist - hier ganz Jesus folgend - die Frage: "Gott oder Götze?" (Karl Marx spricht hier von einem Fetisch.) Das heißt, es geht Luther nicht in erster Linie um eine ethische, sondern um eine theologische Frage, um den "Kapitalismus als Religion" (wie der Philosoph Walter Benjamin sein Fragment im Jahr 1921 betitelt hat). Das zeigt sich am klarsten in Luthers Auslegung der Zehn Gebote im "Großen Katechismus" zum 1. Gebot, speziell zu dem Satz: "Du sollst nicht andere Götter haben."

Ulrich Duchrow ist Theologe und Sozialethiker. Er ist außerplanmäßiger Professor für systematische Theologie an der Universität Heidelberg und hat das Netzwerk "Kairos Europa" mitgegründet, das sich für gerechtere Wirtschaftsbeziehungen mit den Ländern des Südens einsetzt. Foto: ebd

Ulrich Duchrow ist Theologe und Sozialethiker. Er ist außerplanmäßiger Professor für systematische Theologie an der Universität Heidelberg und hat das Netzwerk "Kairos Europa" mitgegründet, das sich für gerechtere Wirtschaftsbeziehungen mit den Ländern des Südens einsetzt. Foto: ebd Ulrich Duchrow ist Theologe und Sozialethiker. Er ist außerplanmäßiger Professor für systematische Theologie an der Universität Heidelberg und hat das Netzwerk "Kairos Europa" mitgegründet, das sich für gerechtere Wirtschaftsbeziehungen mit den Ländern des Südens einsetzt. Foto: ebd

Dazu schreibt Luther: "Es ist mancher, der meinet, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand nichts gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißet Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzet, welchs auch der allergemeinest (allgemeinste) Abgott ist auf Erden." Dass Luther hier nicht nur einzelne Menschen mit besonders großen Lastern im Auge hat, sondern das sich entwickelnde frühkapitalistische System, wird schon daran deutlich, dass er von Geld als "dem allgemeinsten Gott" spricht.

Ulrich Duchrow: mit luther, marx & papst den kapitalismus überwinden. Verlag VSA; 156 Seiten; 14 Euro

Ulrich Duchrow: mit luther, marx & papst den kapitalismus überwinden. Verlag VSA; 156 Seiten; 14 Euro Ulrich Duchrow: mit luther, marx & papst den kapitalismus überwinden. Verlag VSA; 156 Seiten; 14 Euro

Fehlentwicklung der Geldwirtschaft

Noch klarer wird es, wenn Luther in der folgenden Auslegung des 7. Gebots "Du sollst nicht stehlen" die sozialethischen, wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen aus der Abgötterei beschreibt: Der Markt und alle Stände sind "ein großer, weiter Stall von großen Dieben". Hier spricht er auch von den "Erzdieben" und meint damit die großen, länderübergreifenden Bank- und Handelsgesellschaften wie die Fugger. Aber diese Institutionen sind nur die Spitze des Eisbergs eines Systems, das zunehmend die gesamte Wirklichkeit durchdringt - eines Systems des "fressenden" Kapitals: "Also kann so ein Stuhlräuber bequem zu Hause sitzen und in zehn Jahren eine ganze Welt fressen." Beim Kaufmannskapital zeigen sich der Götzendienst und der Diebstahl vor allem in der Deregulierung des Marktes bei der Preisbildung.

Es ist der Kern der Fehlentwicklung der Geldwirtschaft, dass Geld nicht als nützliches Mittel genutzt wird, sondern als Ziel Akkumulation beansprucht, dass also Geld in Kapital verwandelt wird. Dabei wird das "Mehr" aus den arbeitenden Menschen herausgesogen, und andere Menschen werden ausgeschlossen - bis zum Tod im Extremfall (heute sehen wir, dass auch die Erde durch den Wachstumszwang des Kapitals zerstört wird). Darum sagt Luther: Wer anderen die Nahrung "aufsaugt, raubt und stiehlet", mordet. Im gleichen Sinn hat der Soziologe Jean Ziegler mit seiner heutigen Aussage recht: "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet." Denn es wäre genug für alle da.

Was rät Luther, gegen die entstehende kapitalistische Zivilisation zu tun?

Er nennt drei legitime wirtschaftliche Verhaltensweisen der Christen als Personen (nach der Bergpredigt): sich nehmen lassen, geben und frei - ohne Aufschlag - leihen nach dem Maßstab der Liebe. Speziell dem christlichen Kaufmann rät er, seine Arbeitszeit mit dem Lohn eines Tagelöhners zu multiplizieren, um so sich und seine Familie zu versorgen - ein hervorragender Rat für heutige Banker und Konzernchefs, aber auch für höhere Kirchenbeamte. Luther sieht die Gemeinschaft der Kirche als Kontrastgesellschaft zur kapitalistischen Ordnung. Das kommt auch zum Ausdruck darin, dass er sie auffordert, sich nicht nur im Wort, sondern im eigenen (institutionellen) Finanzgebaren von den Kapitalgesellschaften und ihren Praktiken zu distanzieren, um den weltlichen Ständen ein "gut Exempel", ein gutes Beispiel zu geben. Die Kirche soll den Namen Kirche ablegen, wenn sie wie alle anderen Zins nimmt.

Die Obrigkeit fordert er auf, in den Markt zu intervenieren. Aber er sieht sie schon als korrupt, vom Kapital abhängig an, denn "sie haben Kopf und Teil dran". Das heißt, Luther realisiert bereits die strukturelle Herrschaft der Finanzmärkte über Regierungen, die heute durch TTIP, Ceta oder Tisa offiziell legalisiert werden soll.

Angesichts dieser Situation verwirft er das kapitalistische System: Man soll die länderübergreifenden Bank- und Handelsgesellschaften boykottieren. Entweder sie gehen unter oder das Recht und die Gerechtigkeit.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-11 18:12:11
Letzte nderung am 2017-09-12 11:44:51



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