• vom 13.09.2017, 16:39 Uhr

Gastkommentare

Update: 13.09.2017, 17:36 Uhr

Gastkommentar

Langweilig, aber nachhaltig




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Von Holger Blisse

  • Auch der Erhalt bewährter Institutionen ist fortschrittlich und schöpferisch - ein Plädoyer für Genossenschaften.

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert. Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

Nicht alles, was neu und innovativ ist, erweist sich auch als beständig und als nachhaltig. Viele Start-ups, die - oft mit viel Risikokapital ausgestattet - in den Markt drängen, scheitern. Auch die Erfahrung des Scheiterns hat ihren Wert für die Beteiligten. Mögliche Investoren wissen um das Risiko, dass nicht alle finanzierten Projekte gleich erfolgreich verlaufen werden. Umso mehr müssen die erfolgreichen wirklich zum Gesamterfolg beitragen. Dies lässt sich über einen Börsengang und die (Ver-)Teilung des Risikos im breiten Publikum verwirklichen. Wie sehr dies zu einer wahren Euphorie mit steil steigenden Kursen führen kann, zeigte die "New Economy" um die Jahrtausendwende, die binnen weniger Jahre mit einem Kollaps des Marktes endete, bei dem auch viele Kleinanleger Geld verloren.

Dennoch sind aus dieser Zeit Patente und Ideen verblieben, die weitergeführt haben. Durch den Erwerb größerer Aktienpakete bis hin zum vollständigen Übernahmeangebot lassen sich Mehrheiten auch an lange bestehenden Unternehmen verändern (Mergers & Acquisitions) und damit neue Einflüsse gewinnen. Begründet wird dies mit den Vorteilen einer externe Kontrolle durch den veränderlichen Aktienkurs und der Gefahr, bei unterdurchschnittlicher wirtschaftlicher Entwicklung durch niedrige Kurse preiswert aufgekauft werden zu können. All dies in einem System, das mithilfe des Marktes und der Handelbarkeit von Unternehmens(an)teilen heute in (Mikro-)Sekundenschnelle folgenreiche Veränderungen bis hin zur Zerstörung ermöglicht.

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Eine ganz andere Welt bieten Genossenschaften, deren Mitglieder ihre Eigentümerstellung nicht über einen Markt erwerben, sondern direkt von der Genossenschaft. Außerdem erhält das Mitglied das eingezahlte Nominale seines Geschäftsanteils. Es hat keinen Anspruch auf die während seiner Mitgliedschaft in der Genossenschaft gewachsenen Reserven, diese verbleiben - für die Zukunft der Genossenschaft - im Unternehmen und sind auch nicht Bestandteil einer externen Bewertung und damit einer Kursbildung.

Dies mag langweilig erscheinen, aber es ist auf jeden Fall nachhaltig, wie der jahrhundertelange Fortbestand genossenschaftlicher Unternehmen, die ihre Rechtsform seit der Gründung beibehalten haben, zeigt.

Der Markt hat aber auch sie in den Blick genommen und könnte allein um einer schöpferischen Zerstörung willen sie und die ihnen zugrundeliegenden Prinzipien des Wirtschaftens aufheben. Ähnlich wäre es in der Wohnungswirtschaft, wo die Gemeinnützigkeit eine Art Schutz der generationenübergreifenden Reserven durch ein beschränkt gewinnorientiertes Wirtschaften auch über Unternehmen gelegt hat, die in einer Kapitalgesellschaft (etwa AG oder GmbH) arbeiten.

Aus Sicht der Befürworter einer reinen Marktökonomie mögen dies Relikte sein, die es aufzulösen gilt. Aus Sicht der Befürworter einer (öko)sozialen und nachhaltigen (Markt-)Wirtschaft sind sie ein notwendiges Regulativ, dessen positive Wirkungen heute einerseits zu wenig herausgestellt werden und andererseits nur allzu deutlich sichtbar würden, wenn es nicht mehr vorhanden ist.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-13 16:45:06
Letzte ńnderung am 2017-09-13 17:36:09



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