• vom 19.09.2017, 14:43 Uhr

Gastkommentare

Update: 19.09.2017, 15:33 Uhr

Gastkommentar

Europäische Solidarität




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Wolfgang Schmale

  • Ohne Solidarität kann die EU nicht funktionieren, zugleich ist sie ihre Achillesferse.

Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien.

Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien.© privat Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien.© privat

Die Rede zur Lage der Europäischen Union des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker vergangene Woche hat einige Wellen geschlagen. Vor allem seine Äußerungen zur Entwicklung der Eurozone sind auf heftigen Widerspruch gestoßen, obwohl er im Grunde nur an die im EU-Vertrag formulierten gemeinsamen Ziele erinnert hat.

Darüber sind viele andere interessante Aspekte seiner Rede unbeachtet geblieben. Zu diesen Aspekten gehört zum Beispiel das ethisch-politische Prinzip, Solidarität zu üben. Juncker sagte wörtlich: "Europa ist und bleibt der Kontinent der Solidarität."

Information

Buchtipp: "Mein Europa. Reisetagebücher eines Historikers"; Böhlau.


Tatsächlich ist Solidarität schon ein Schlüsselbegriff der Debatten um die europäische Einigung zwischen den beiden Weltkriegen. Und erst recht nach 1945. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 vermehrten sich öffentliche Appelle an die europäische Solidarität massiv. Als 2014 die Zahl der Flüchtlinge, die aus Syrien, Nordafrika, Afghanistan und anderen Ländern kamen, deutlich zu steigen begann, wurde allenthalben europäische Solidarität zur Bewältigung der "Flüchtlingskrise" eingefordert.

Solidarität stellt außerdem einen Schlüsselbegriff in den geltenden EU-Verträgen dar. Ganz klar: Ohne Solidarität kann die EU nicht funktionieren, zugleich ist das Üben von Solidarität ihre Achillesferse, weil praktische Solidarität immer irgendwen viel Geld kostet und weil religiöse und ethnische Vorurteile im unaufgeklärten Europa des 21. Jahrhunderts recht verbreitet sind.

Ein wenig muss dieser Befund bestürzen, denn Solidarität existiert als ethisch-politisches Prinzip bereits seit der Antike. Es war folglich Zeit genug, um zu lernen, was praktische Solidarität ausmacht. Natürlich ist Solidarität irgendwie ein Plastikwort, dessen genaue Bedeutung sich immer wieder etwas geändert hat, aber spätestens seit der Französischen Revolution (1789 bis 1799) hat sich unser moderner Begriff von Solidarität stabilisiert: Er wurde inhaltlich durch zwei andere Revolutionsbegriffe, nämlich Brüderlichkeit und Gleichheit, aufgefüllt.

Mit dieser Ausrichtung wurde Solidarität zu einem zentralen Prinzip der Arbeiterbewegung und entwickelte sich weiter zur "internationalen Solidarität" zum Beispiel der sozialistischen Staaten. Aber schon im 19. Jahrhundert wurde das Verhältnis der werdenden europäischen Nationalstaaten als - wünschenswerterweise - brüderlich angesehen. In der gegenseitigen Anerkennung des Rechts auf einen Nationalstaat steckte das Gleichheitsprinzip in Bezug auf die Gleichheit der moralisch-politischen Berechtigung, einen Nationalstaat haben zu dürfen. Der große französische Dichter Victor Hugo hat schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts exakt dieses Verständnis von Europa als einem Europa der brüderlichen Nationen in lange nachwirkende Dichterworte gefasst.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-18 14:48:05
Letzte nderung am 2017-09-19 15:33:16



Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Neue Bescheidenheit
  2. Grassers Schutzwall bröckelt
  3. Eine gute Nachricht
  4. Krise des politischen Denkens
  5. Ein Tritt ans Schienbein
Meistkommentiert
  1. Türkis-blauer Dunst
  2. Ein Tritt ans Schienbein
  3. Krise des politischen Denkens
  4. Eine gute Nachricht
  5. Trumps Reise nach Jerusalem


Werbung


Werbung