• vom 04.10.2017, 16:06 Uhr

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Update: 04.10.2017, 17:06 Uhr

Gastkommentar

Expertendämmerung




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Von Peter Moeschl

  • Gastkommentar: Fachleute als Quereinsteiger und die Illusion einer politikfreien Politik.



"Allesamt Experten", begeisterte sich Sebastian Kurz über die neuen ÖVP-Mandatare. Er tat dies mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es die institutionalisierte Politik selbst, die bisher ein vernünftiges Regieren verhindert hätte. Und er liegt damit im Trend des aktuellen Politikverständnisses. Warum?

Heute, in Zeiten anwachsender Krisen, scheint kompetentes Fachwissen die einzige Möglichkeit, politischen Problemen auf eine, wie es heißt, effiziente Weise zu begegnen. Expertenwissen solle die moderne Demokratie rational fundieren. Nur so könne man sich für die Komplexität der Zukunft rüsten. Fachkundige Quereinsteiger, Experten aus der Ökonomie und anderen Bereichen, hätten die politischen Probleme im Stil von Managern zu beheben.

Information

Peter Moeschl ist Kulturtheoretiker und Chirurg (Buchtipp: "Privatisierte Demokratie. Zur Umkodierung des Politischen"; Verlag Turia + Kant; 127 Seiten; 15 Euro).

Zugleich aber wäre auch - wird argumentiert - den Wählern entsprechendes Sachwissen abzuverlangen. Man will "informierte Wähler", die Experten entsprechend ihrer Kompetenz wählen. Schließlich gelte es, die Demokratie als ein für alle offenes politisches System zu erhalten, wenn auch nur unter der Bedingung universeller Informiertheit. Würden nämlich - glaubt man - alle möglichst alles wissen, käme man dem Ideal der Demokratie am nächsten. Erst in einer informierten Gesellschaft, im informierten Staat, könnte eine - die eine - politische Vernunft herrschen.



Unter so einem Aspekt des generalisierten Sachverstands erfährt jedoch das Konzept der politischen Bildung eine paradoxe Wendung. Die gewiss sinnvolle Forderung, "Demokratie zu lernen", würde nur noch ein Ansammeln von - vor allem ökonomisch relevantem - Spezialwissen bedeuten. Wissen, das sich aber in Summe - so glaubt man - als politische Allgemeinbildung verstehen könne. Ob aber mit so einer Wissensanhäufung schon ein politisch kompetentes Verallgemeinerungs- und Reflexionsvermögen zur Erfassung gesellschaftlicher Kontexte verbunden ist, ist ernsthaft zu bezweifeln. Und das betrifft nicht nur die Wähler, sondern auch die Experten selbst.

Da diese Problematik kaum wahrgenommen wird, kümmert es wenig, ob bei der heute geforderten politischen Bildung emanzipatorisch vorgegangen wird. Hier nämlich sollten die Experten - so meinen viele - dem unbedarften Bürger zur Hand gehen, ohne ihn intellektuell zu überlasten. Sie müssten ihn nicht schulisch belehren, sondern könnten ihn sogar suggestiv zu einem als rational angesehenen Verhalten bewegen (Stichwort "Nudging").

Wissenschafter oder Ideologievermittler?

So oder so, in einer "informierten Wissensgesellschaft", in der statt "bloßer" Allgemeinbildung ein "breit aufgestelltes" Fachwissen als Kriterium für die politische Kompetenz erachtet wird, scheinen Experten unverzichtbar. Was jedoch ist deren spezifische Funktion? Als berufspolitischer Verwalter des Staates repräsentiert der Experte eine neue Gestalt, eine Figur der überparteilichen Kompetenz. Er soll das herrschende politische Geschäft über die als neutral angesehene Ebene der Wissenschaft rechtfertigen. Das aber ist problematisch: Wie der Kulturphilosoph Michel de Certeau beschreibt, hat der Experte in seiner Eigenschaft als Spezialist wissenschaftliche Kompetenz. Zugleich wird er zum allgemeingesellschaftlichen Interpreten der eigenen Wissenschaft gemacht. Autorität wird ihm aber nicht wegen seiner wissenschaftlichen, sondern wegen seiner interpretativen Arbeit zuerkannt.

Das alles scheint nicht unbegründet. Doch liegt in der Entwicklung dieser Autorität - im Wechsel von Kompetenz hin zu Autorität - ein Paradox. Der Experte verliere - so Certeau - seine wissenschaftliche Kompetenz in dem Maße, wie er seine gesellschaftliche Autorität ausdehne. Schließlich beruhe seine Glaubwürdigkeit auf einem Wissen, das ihm gerade dann fehle, wenn er Autorität ausübe.

In dieser paradoxen Dynamik entwickelt sich der Experte vom Wissenschafter hin zum Ideologievermittler und kann sich dem kaum entziehen. Zudem wird er von der Berufspolitik und deren Wunsch nach "klaren" Antworten geködert. In den Worten des Kulturwissenschafters Wolfgang Ullrich: "Aus dem Wissenschafter wird ein Experte, den man einlädt, weil man vorab weiß, was er sagt - und weil man genau diesen Standpunkt will oder braucht."

Konkret bedeutet das: Der Experte möge mittels seiner Autorität alternativen gesellschaftlichen Vorstellungen die Grundlagen entziehen. Er soll vielmehr jede sich kritisch den Kontexten zuwendende Politik auf den Boden einer (bloß verwaltbaren, aber nicht verhandelbaren) gesellschaftlichen Alternativlosigkeit holen. Man denke hier nur an die Macht von Wirtschaftsexperten.

Autoritäre Staatsführung nach Platon versus Demokratie

In den Experten scheint sich somit Platons Ideal einer ebenso weisen wie autoritären Staatsführung gegen das Modell der Demokratie durchzusetzen. Dass heute der autoritäre Druck meist indirekt ausgeübt wird, vermag am antidemokratischen Charakter nichts zu ändern. Wenn sie auch oft in ideologischen Thinktanks oder Wirtschaftslobbys in Erscheinung treten, so eilt Experten noch immer der Ruf erhabener Objektivität, von perspektivischer Parteilichkeit bereinigten Wissens voraus. Sie sollen grundlegende politische Kontroversen im Namen der Wissenschaft, wenn schon nicht lösen, so doch auflösen.

In einer Kultur der verwalteten Politik übermitteln Experten den Bürgern ihre Standpunkte und Entscheidungen verbreiten als Quereinsteiger die Illusion einer politikfreien Politik. Von der Berufspolitik werden sie zur Kanonisierung ihrer Weltsicht vorgeschickt. Der Rest ist Theater.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-04 16:12:11
Letzte nderung am 2017-10-04 17:06:10



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