• vom 12.10.2017, 06:30 Uhr

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Stimmen, Clicks und Likes




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Von Ingrid Thurner

  • Von rechten Seiten wird die Islamisierung des Abendlandes befürchtet. Was man tatsächlich feststellen kann, ist eine Islamisierung der Innenpolitik.

Verschleierung und Islam sind dankbare Wahlkampfthemen. Foto: dpa/Boris Rössler

Verschleierung und Islam sind dankbare Wahlkampfthemen. Foto: dpa/Boris Rössler

Ingrid Thurner ist Ethnologin, Publizistin, Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Mobilitäten und Fremdwahrnehmungen. Foto: privat

Ingrid Thurner ist Ethnologin, Publizistin, Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Mobilitäten und Fremdwahrnehmungen. Foto: privat Ingrid Thurner ist Ethnologin, Publizistin, Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Mobilitäten und Fremdwahrnehmungen. Foto: privat

Der Islam ist zur Debatte Nummer eins geworden. Dabei bekennen sich gerade einmal 8 Prozent der Bevölkerung zu dieser Religion. Und im Jahr 2016 wurden 39.860 Asylwerber registriert. Aber es scheint in diesen Zeiten und in diesem Wahlkampf - abseits der Schlammschlacht zwischen SPÖ und ÖVP - nur einen relevanten Themenkomplex zu geben: Muslime, Flüchtlinge, Migration, Integration. Wie kann es sein, dass gerade diejenigen, die alles verloren haben außer dem nackten Leben, die politische Szene beherrschen, Zeitungsspalten füllen und die garstigsten Emotionen der ansässigen Bevölkerung auf sich kanalisieren?

Bartträger, Burkaverhüllte und Bombenwerfer
Zuweilen nimmt die Debatte absurde Züge an, wenn auf der psychologischen Ebene Ängste geschürt werden, in verschwörungstheoretischen Höhenflügen vor dem drohenden Untergang der europäischen Zivilisation durch Bartträger, Burkaverhüllte und Bombenwerfer gewarnt wird.


Manchmal geht es gar nicht in erster Linie um anti-islamische Überzeugungen - Überzeugungen scheinen in der Politik ohnedies ausgedient zu haben -, sondern allein um anti-islamische Strategien, die in demagogischer Absicht eingesetzt werden, um Quoten, Clicks und Likes zu erzielen. Der transnationale Islam wird zur Bedrohung hochstilisiert von politischen und medialen Kräften, das Ziel ist die Schaffung von Reizthemen für User, Follower und Poster, die Verschönerung von Zugriffsstatistiken, die Vermehrung von Wählerstimmen. Aber der Zweck heiligt nicht das Mittel, schon gar nicht, wenn dieses die Konstruktion von Feindbildern ist, was wiederum zur Polarisierung der Gesellschaft führt.

Blau ist das neue Schwarz und färbt sich türkis
Inzwischen versagen die gewohnten Einteilungen der demokratischen Farbsymbolik: Was braun ist, was schwarz und was rot, ist nicht mehr deutlich trennbar. Die Ängstlichen und die Angstmacher tummeln sich quer durch das Spektrum. Rechts und Links wechseln bei Bedarf die Seiten und die Parteien.

Die bürgerliche Mitte schafft sich ab, sie ist dabei, nach rechtsaußen abzudriften. Diskursanalytisch ist bei einzelnen Themen zwischen Rechts und Konservativ nicht mehr zu unterscheiden. Blau ist das neue Schwarz und färbt sich türkis.

Probleme und Missstände, die soziale und ökonomische Ursachen haben, werden konfessionalisiert und auf dem Rücken einer religiösen Minderheit verhandelt. So werden die Geflüchteten als Sündenböcke haftbar gemacht für Übel aller Art von drohender Arbeitslosigkeit über Kriminalität bis hin zu importieren Viren: "Die Moslems" waren es. Besonders gut scheint das zu funktionieren, wenn man vorgibt, nicht in egoistischem Interesse zu sprechen und zu handeln, sondern die Rechte von Benachteiligten vor Muslimen schützen zu müssen - jene von Juden, Homosexuellen oder Frauen.

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Dokument erstellt am 2017-10-06 20:21:07



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