• vom 04.12.2017, 15:31 Uhr

Gastkommentare

Update: 05.12.2017, 09:05 Uhr

Wirtschaft

Wirtschaftsethik braucht auch Marktethik




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  • Gastkommentar: Worum ging es Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Evangelii Gaudium" genau?

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

© privat

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert.

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Wenn der Papst sich zu Wort meldet, dann stimmt etwas nicht mehr, dann ist es "höchste Zeit". Als Papst Franziskus im Jahr 2013 in seiner Enzyklika "Evangelii Gaudium" auch zur von ihm äußert kritisch wahrgenommenen Ausschließung (Exklusion) von Menschen durch das wirtschaftliche System einging, war die Finanzmarktkrise noch nicht (ganz) abgeklungen. Inzwischen deuten viele Signale in Richtung Normalisierung, auch seitens der Europäischen Zentralbank scheint die Zinswende vorbereitet zu werden.

Mittlerweile haben sich nicht nur die Marktpreise erholt, sondern der Markt hat seinen Einflussbereich weiter ausgebaut, insbesondere der Kapitalmarkt, indem die Banken und Sparkassen regulatorisch und betriebswirtschaftlich zu größeren - und damit auch überlegenswert kapitalmarktfähigen - Einheiten gedrängt worden sind. Ihnen dürfte immer mehr die Rolle eines Marktteilnehmers zukommen und weniger die Rolle eines unabhängigen - zum Markt alternativen - Anbieters von Geldanlage- und Finanzierungsmöglichkeiten.


Worum ging es Papst Franziskus genau? Er schrieb von "einer Wirtschaft, die tötet". Dies ist für ihn eine "Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen". Denn es "ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung. (. . .) Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die ‚Wegwerfkultur‘ eingeführt, die sogar gefördert wird. Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern um etwas Neues. (. . .) Die Ausgeschlossenen sind nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern ‚Müll‘, ‚Abfall‘."

Ein Ausweg, wie er auch immer mehr eingeleitet wird, könnte natürlich darin bestehen, schon früh auf den Markt und die Härten des Wirtschaftslebens vorzubereiten. Dies käme einer Entsolidarisierung der Gesellschaft schon von klein auf gleich und würde ein frühes Verständnis für die solidarischen Einrichtungen und sozialen Errungenschaften wie Kranken- und Pensionsversicherung im Keim ersticken. Mit der Folge, dass es im Verlauf erst mühsam aufgebaut werden müsste, wenn die Probleme so groß werden, wie das im 20. Jahrhundert geschah. Denn ohne einen sozialen Zusammenhalt würden sich alle auf sozialen Beziehungen gründenden Absicherungen aufheben.

Es ginge so weit, dass eben auch das Bildungssystem selbstorganisiert, privatisiert würde. Daher sei die Frage erlaubt, ob pragmatisierte (Hoch-)Schullehrer und -lehrerinnen, also Menschen, die von der sozialen Gemeinschaft abgesichert worden sind, die Auflösung gerade dieses sie tragenden Systems vorbereiten dürfen, wenn die Grundannahme gilt, dass ein System nicht an seiner Selbstauflösung arbeitet.

Lässt ein System dennoch solche Tendenzen erkennen, wird es von außen beeinflusst. Im Falle der herrschenden ökonomischen Lehre kommt diese Beeinflussung aus Übersee nach Europa - teils sogar wieder zurück, da einige heute nicht mehr lebende Lehrer in die entgegengesetzte Richtung Europa einst verlassen haben. Darum wäre es wünschenswert, wenn man sich etwa auch die andere Seite des Nobelpreises 1974 ansähe. Denn zusammen mit dem mit freien Märkten stark in Verbindung gebrachten Friedrich August von Hayek erhielt damals der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal den Preis zugesprochen.

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Holger Blisse

ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter und unter anderem auf kreditwirtschaftliche, genossenschaftliche und sozialpolitische Themen spezialisiert. privat




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-04 15:35:03
Letzte Änderung am 2017-12-05 09:05:03



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