Was das sein könnte, bei rund hunderttausend Artikeln in den letzten Jahren? Ganz einfach, wir haben einen mächtigen Trend übersehen: Wir haben die Hunde ignoriert!
Wie diese - soll ich sagen: Mode? - über uns kam, weiß ich nicht. Niemand weiß es. Aber plötzlich waren sie da, die Hunde. Und während wir noch glauben, es gebe immer mehr Zweierbeziehungen aus doppelten Singles, den sogenannten "Dinks", also den klassischen Paaren mit doppeltem Einkommen und keinem Kind, hat sich längst eine selbstverständliche und die Gesellschaft der jungen Talente prägende Dreierbeziehung etabliert, für die es zwar noch keinen Namen gibt, die aber dringend nach einer Lösung ruft. Denn diese Hunde, vorzugsweise herzige Abkömmlinge modischer Querverbindungen wie Labrador oder Pudel, haben, wie "Barolo"-Kolumnist Christian Seiler einmal so treffend schrieb, nur einen Daseinszweck: dabei zu sein.
Damit beginnt das Problem, nämlich Theorie und Praxis der sogenannten Work Life Balance auf eine Realität abzustimmen, die bisher kaum Beachtung fand. Immer öfter berichten mir befreundete Personalmanager, dass sie sich interessanten, gut ausgebildeten, ebenso leistungsfähigen wie -willigen, zudem sozial kompetenten und überaus sympathischen jungen Leuten gegenübersehen, denen sie gerne einen Vertrag anbieten würden.
Doch irgendwo im Hintergrund hätten diese Leute ein ungelöstes Problem. Darauf angesprochen, zögerten die Kandidatinnen und Kandidaten zunächst, rückten dann aber mit der Frage heraus, ob es denn möglich sei, gelegentlich den Hund mit ins Büro zu nehmen!?
Einer der fortschrittlicheren Männer dieser Branche ist nun dazu übergegangen, das Angebot ohne vorherige Nachfrage in den "Letter of intent" zu integrieren: "Selbstverständlich ist es möglich, falls Sie einen Hund besitzen, ihn mit ins Büro zu bringen." Was besonders überzeugend klingt, wenn es bereits andere Hunde in der Abteilung gibt. Ja, sagte mir einer meiner Gewährsleute, er achte sogar darauf, dass während der Gespräche mit Wunschkandidaten der eine oder andere Hund einmal treuherzig durch die Glastür äuge, und somit die Authentizität des Angebots dokumentiere.
Er plane, in absehbarer Zeit eine "Huta" einzurichten, in der es professionelle Betreuung für die vierbeinigen Familienmitglieder gebe: anspruchsvolle Lernprogramme, Event-Gassigänge, biologisches Futter und dergleichen. "Wenn unsere Mitarbeiter eines Tages Kinder haben, erweitern wir das Ganze zu einer gemischten Tagesstätte."
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.