
Es gibt keine Nirosta-Bottiche, weder Abfüll-Anlagen noch Kühlcontainer. So etwas kommt in der Sagenwelt des Lebensmittel-Marketings nicht vor. Wenn die Werbung aufs Essen kommt, lässt sie Weizenfelder wogen, Käselaiber rollen und Landgestalten aus der vorimpressionistischen Malerei des 19. Jahrhunderts auftreten. Bei so viel Ablenkung denkt man erst recht an Geschmacksverstärker, Emulgatoren und die ganze Ess-Chemie.
Es ist zwar schon mehr als eine Woche her, aber es beschäftigt uns noch immer: Im Norden Deutschlands brach eine Epidemie aus, und alle Menschen warfen die Gurken weg. Essen in Europa, das heißt, dieselben Horrorvisionen zu teilen, auf ähnliche Weise Misstrauen zu hegen und die Medien tief ins Zentralnervensystem gelassen zu haben. Weil alle so hellhörig sind, ist der Grad zwischen gefühlter Vertuschung und vermuteter Panikmache äußerst schmal.
Über Essen wird heute so intensiv geredet wie in den Sechziger Jahren über Sex. Man sagt, es kommt davon, dass so viele Leute das Rauchen aufgeben haben, es ist eine Art Pensionsschock der Geschmacksnerven. Jedenfalls bleibt kein Detail undiskutiert, kein Widerspruch unbemerkt. Während im Fernsehen zu jeder Tageszeit ein Gericht à la handgestreicheltes Waldhuhn mit Bio-Schnittlauch-Farce aufgetischt wird, hobelt die Nahrungsmittel-Industrie unverdrossen Kunstschinken und Proteinspäne. Die Frage, ob es richtiges Essen im Falschen gibt, ist längst Gegenstand einer kritischen Theorie, die jeden beschäftigt.
Essen ist traumhaft, gleichzeitig wird einem davon schlecht. Es gibt ein Problem mit zu viel Essen - und eines mit zu wenig. Heerscharen von Nahrungsexperten regen sich auf, weil zu hastig, zu oft, zu selten, zu teuer, zu billig oder eben falsch gegessen wird. Essen zählt zu den großen Schwierigkeiten unserer Kultur.
Vielleicht ist der schlechte Einfluss, der vom Computer ausgeht, diesmal ein Segen. Möglicherweise ist es gar nicht schlecht, dass Essen im Zeitalter des Multitaskings zu einer Sache neben vielen wird, für die man nicht eigens von der Maus absteigt. Studien haben bereits beklagt, dass junge Leute dazu neigen, ihre Mahlzeiten gemeinsam mit ihrem Computer einzunehmen. Wenn man das berühmte Bild Leonardos vom letzten Abendmahl mit dem Clan eines "Massively Multiplayer Online Games" nachstellt, müsste es in etwa so aussehen: Dreizehn Leute sitzen disloziert vor Bildschirmen und Tiefkühl-Gerichten. Eine Statusmeldung sagt: "Einer von euch wird mich verraten." Und die anderen drücken auf "Gefällt mir".
Aber so wird es nicht bleiben. Schon zeigen sich die ersten Korrekturen, zum Beispiel das Startup "Grubwithus". Das Konzept ist bestechend. Man schaut auf der Website nach, wo in der Stadt Menschen bald Zeit haben werden. Man tritt einer Runde aus Interessierten bei. Man zahlt eine Gebühr. Und anschließend geschieht etwas Unglaubliches: Man geht miteinander essen.