• vom 15.01.2008, 16:37 Uhr

Glossen

Update: 15.01.2008, 16:40 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Die Arschkarte gibt uns Rätsel auf




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Redewendungen sind wichtige Bauteile der Sprache, und sie werden auch von der Wissenschaft verstärkt wahrgenommen. Ihre Erforschung ist nicht gerade einfach.
  • In der Folge geht es um ein ganz kniffliges Beispiel: die Arschkarte ziehen. Diese Wendung lässt sich seit einigen Jahren in diversen Dudenpublikationen finden: "derb für den Schaden tragen, der Benachteiligte sein" .

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung". Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Nach einer weit verbreiteten Annahme kommt die Wendung aus dem Fußballsport. Angeblich sind die Schiedsrichter in Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens angewiesen worden, die gelbe Karte in der Brusttasche und die rote in der Gesäßtasche zu tragen - damit die Zuseher zwischen Verwarnung und Ausschluss sofort unterscheiden können. In der Sat.1-Sendung "Genial daneben" vom 20. August 2004 ist in diese Richtung spekuliert worden. Später habe ich es auch bei Elisa Gregor in der Farbbeilage des "Kurier" so gelesen.

Mein Gefühl hat mir gleich gesagt: Da kann was nicht stimmen. Es heißt ja die Arschkarte ziehen und nicht die Arschkarte zeigen/bekommen. Der Rheinländer Walter Koch hat für seine Website www.u32.de sogar eine umfassende Dokumentation zu diesem Thema zusammengestellt. Er weist anhand von Abbildungen darauf hin, dass die Farben Rot und Gelb in schwarzweißer Darstellung sehr gut zu unterscheiden sind. Gelb wird zu einem ganz hellen Grauton, Rot zu einem ganz dunklen. Damit gerät die Theorie bereits ins Wanken.

Werbung

Die roten und gelben Karten sind außerdem recht junge Erfindungen - lange Zeit haben die Schiedsrichter einen Platzverweis nur mündlich ausgesprochen. Doch dann kam es bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 im Spiel Argentinien gegen England zu wilden Auseinandersetzungen. Ein argentinischer Spieler konnte oder wollte den durch den deutschen Schiedsrichter Rudolf Kreitlein ausgesprochenen Platzverweis nicht verstehen und blieb noch weitere neun Minuten auf dem Spielfeld. In den folgenden Tumulten wurden einige englische Spieler verwarnt - was diese gar nicht bemerkt haben.

Um derartige Vorfälle zu vermeiden, hat der englische Schiedsrichter Ken Aston vorgeschlagen, analog zu den Verkehrsampeln gelbe und rote Karten einzuführen. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 ist diese Regel zum ersten Mal angewendet worden - und hat sich rasch durchgesetzt.

Die ersten Fernsehsendungen in Farbe wurden in Deutschland und Österreich allerdings schon in den 1960-er Jahren ausgestrahlt, also vor Einführung der roten Karte. Damit gerät die Theorie von der fußballerischen Herkunft der Phrase bereits ein wenig ins Wanken.

Mein nächster Schritt: Ich rufe Heinz Fahnler an, der muss es ja wissen. Als national und international tätiger Schiedsrichter hat er den Spitznamen "der rote Heinzi" erhalten - auch deswegen, weil er sich gerne mit einer roten Karte Respekt verschafft hat. Seine spontane Reaktion: "Arschkarte hat mit Fußball nichts zu tun. Es gab zu keiner Zeit eine Empfehlung der UEFA oder der FIFA, dass Schiedsrichter die rote Karte in der Gesäßtasche tragen sollen. Ich selbst habe immer ein Notizbuch mit zwei Fächern in meiner Brusttasche gehabt: In dem einen Fach war die gelbe Karte, in dem anderen die rote. Manche Hosen hatten gar keine Gesäßtasche."

Wenig später ruft er noch einmal zurück: "Du weißt ja, meine Frau stammt aus Hamburg. Sie sagt, die Arschkarte ziehen ist in Deutschland schon viel länger in Gebrauch. Wenn jemand eine ganz schwere Aufgabe bekommt, dann sagt er: Jetzt habe ich wieder die Arschkarte gezogen!"

Sie kommt also nicht aus der Welt des Fußballs, die Arschkarte. Aber woher kommt sie tatsächlich? Wer kennt Belege aus der Zeit vor 1970? Dann wäre eine fragwürdige Theorie endgültig widerlegt.

Ihre Meinung an: www.wienerzeitung.at/sedlaczek




Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2008-01-15 16:37:01
Letzte nderung am 2008-01-15 16:40:00



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Hallo Handy-Leser!
  2. Eine Frau, die ganz allein vor die Tür geht, ist nicht normal
  3. Wiener Sommergespräch
  4. Wir sind die Roboter
  5. Geschlossenes System
Meistkommentiert
  1. Geschlossenes System
  2. "Du kaufst Milch." - "Kauf bitte Milch!"
  3. Was, es gibt kein Ketschup und keine Majonäse mehr?
  4. Eine Frau, die ganz allein vor die Tür geht, ist nicht normal
  5. Ansichtskarten-Revival

Werbung




Werbung