• vom 29.10.2010, 11:23 Uhr

Glossen


nah & fern

Mehr Streit wagen!




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Von Matthias G. Bernold

  • Es gibt Paare, die verströmen rundum Harmonie. Sie streiten nicht, sie schreien sich nicht an, sie strecken dem anderen nicht die Zunge heraus und werfen einander auch keine Gegenstände hinterher.

Für manche mag dies ein Ideal sein, ich hingegen halte zu viel Konsens für zerstörerisch. Nicht Aggression, Zorn oder Eifersucht erodieren die Liebe, sondern die Gleichform, die uns aneinander so sehr gewöhnt, bis wir einander egal werden. Ein Leben ohne Streit heißt, ohne Leidenschaft und Interesse für den anderen leben. Asche brennt nicht.

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Nicht anders ist es in der Demokratie, wo Volk und Vertreter in Beziehung stehen wie Ehepaare. Oder besser: Wie Partner auf Zeit. Wie die Liebe ist auch die demokratische Liaison weniger durch Meinungsverschiedenheit bedroht als durch Langeweile, Desinteresse und Frust.

Aus diesem Grund ist es gut und richtig, wenn die Bürger ihrem Protest Ausdruck verleihen. Sei es wie in Frankreich gegen die Anhebung des Pensionsalters. Sei es in Stuttgart gegen ein kostspieliges Bahnhofsprojekt. Sei es in Wien, wo die Studenten aufbegehren oder Anrainer gegen den Bau einer Konzerthalle für die Sängerknaben im Augarten.

Nicht, dass die Revoluzzer automatisch Recht hätten. Nicht, dass jeder, der laut schreit, Kluges hervorbrächte. Oder gar, dass Gewalt auf den Straßen zu begrüßen wäre. Aber wie Individualität mit einem Nein beginnt, so beginnt auch eine politische Haltung mit dem Hinterfragen und dem Verweigern. Die Leidenschaft, welche die Menschen auf die Straßen treibt, ist Ausdruck ihres Gestaltenwollens. Aufbegehren heißt: Interesse zeigen. Es ist der Übergang vom "Mir is wuascht"- in den "Mir is ned wuascht"-Modus.

Beschränkt sich die Mitbestimmung der Bürger auf ein Kreuzerl alle vier Jahre, erzeugt dies ein Gefühl der Machtlosigkeit, erzeugt Politik- und letztlich Demokratieverdruss. Es ist, um beim Bild einer Liebesbeziehung zu bleiben, wie Frust über einen Partner, der zwar mit dem Kopf nickt, aber nicht zuhört.

Beschränkt sich die Regierungsmacht auf das pseudodemokratische Absegnen-Lassen ihrer Macht, fällt sie Grundsatzentscheidungen im Alleingang, presst sie Großprojekte durch, ohne das Volk zu befragen, dann treibt sie die Bürger in die Hände politischer Hausierer.

"Wir wollen mehr Demokratie wagen", hat der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt einst gesagt. Seine Worte sind heute so aktuell wie zu Ende der 1960er Jahre: Wir sollten mehr Demokratie wagen, um unsere Demokratie zu schützen: mehr Referenden, mehr verbindliche Volksentscheide. Und wir sollten mehr Leidenschaft wagen. Denn in der Liebe wie in der Demokratie gilt: Es gibt nur wenig, was besser und schöner ist als die heiße Umarmung nach einem hitzigen Streit.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.




Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-10-29 11:23:11
Letzte Änderung am 2010-10-29 11:23:00



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