
Schräg gegenüber von unserem Haus wird seit vier Monaten renoviert. Das bedeutet, dass ich zeitig in der Früh von Arbeitsgeräuschen geweckt werde: von einem Nerven zersetzenden Bohren, von einem markdurchdringenden Schleifen, und es wird gehämmert, dass einem Hören und Sehen vergeht. Gut, es ist ein Jugendstilhaus, und es soll ein Schmuckkästchen werden. Aber warum dauert das solange?
Einige Bäume verstellen mir die Sicht, um so schlimmer sind die akustischen Begleiterscheinungen. Wenn das Sehen nicht möglich ist, wird das Hören umso penetranter. Und ich kann Sprachstudien machen. Die Arbeiter scheinen Serben zu sein, der Vorarbeiter ist ein Österreicher. Er redet mit ihnen im reduzierten Wortschatz: "Du bringen Leiter!" Die Zeitwörter stehen immer in der Nennform, die Hauptwörter ohne Artikel und undekliniert. Wie sollen da die Arbeiter jemals die deutsche Sprache erlernen?
Nur in einem Punkt sind auch die Serben perfekt: Sie unterscheiden zwischen auffi und auffa, zwischen awi und awa. Das ist bei Bauarbeitern lebenswichtig. Sie müssen wissen: Wenn ich oben auf dem Gerüst stehe und hinunterrufe, dass etwas hochgezogen werden soll, dann rufe ich "auffa". In der Standardsprache heißt das "herauf". Stehe ich hingegen unten und will wissen, ob ich das Baumaterial in die Höhe schicken kann, frage ich: "Auffi?" Das heißt: "Hinauf?"
Wer am Bau arbeitet, noch dazu in größter Hitze, der muss kühlen Kopf bewahren, sonst fällt ihm etwas auf den Kopf. Er muss zwischen "auffi" und "auffa" unterscheiden, genauso zwischen "awi" und "awa", zwischen "eini" und "eina", "dauni" und "dauna".
In der Standardsprache wird nach der Sprecherposition oft nicht mehr unterschieden. Da heißt es nach norddeutschem Muster "rauf" - egal ob man oben oder unten steht. Genauso "runter" - auch hier ist es gleichgültig, wo man sich gerade befindet. Eigentlich müssten wir auch zwischen "hinauf" und "herauf", zwischen "hinunter" und "herunter" sauber unterscheiden - aber viele tun es nicht mehr.
Fairerweise muss ich sagen: Auch in den Mundarten wird seit einiger Zeit vereinfacht. Statt "auffi" und "auffa" hat sich eine neue Einheitsform herausgebildet: "auffe". Und viele unterscheiden nicht mehr zwischen "eini" und "eina", sondern verwenden "eine". Das Phänomen ist also nicht auf die Standardsprache beschränkt. Wie auch immer: Ich halte das für eine Verarmung unserer Sprache.
Ein wenig in Vergessenheit geraten sind die Wörter "dauni" und "dauna". "Setz di dauna zu mir!" Mit anderen Worten: "Setz dich her zu mir!" Andererseits: "Geh dauna!" Soll heißen: "Geh weg!"
Als Kinder haben wir uns über einen Scherzreim amüsiert, ich versuche, ihn zu rekonstruieren: "Dauni, geh dauni! Geht da Dauni ned dauni, nimm i n Dauni, hau ihn dauni, bis da Dauni daunigeht."
Zunächst muss man wissen, dass zwei Wörter ähnlich klingen: dauni - in der Literatursprache wäre das "hindann" oder "fort von hinnen", und Dauni - der Vorname Toni. Eine Übersetzung könnte so lauten: "Toni, geh zur Seite! Wenn der Toni nicht zur Seite geht, dann nehm ich den Toni und dränge ihn solange weg, bis er zur Seite geht."
Das ist schon kompliziert. Ich wäre ja bereits froh, wenn wir weiterhin zwischen "herauf" und "hinauf" unterscheiden und nicht in beiden Fällen "rauf" sagen. Und zwischen "herunter" und "hinunter" - statt der neuen Einheitsform "runter".
Je deutlicher sich die Welt in Richtung Wahnsinn dreht, desto öfter denken manche Menschen nach. Und zwar nicht nur in einschlägigen Zirkeln...weiter